Das kreative Gehirn – Bekomme neue Ideen, wenn du in einer mentalen Sackgasse steckst

Die Geschichte der Wissenschaft ist gespickt mit Storys, wie brilliante Wissenschaftler an Problemen knobeln und knobeln, und dann bei scheinbar belanglosen Tätigkeiten schließlich ganz plötzlich auf die Lösung kommen.

Wie kommen diese Offenbarungen zustande? Wie können wir mehr davon haben? Und können wir sie bewusst herbeiführen? Darum geht es in dieser Folge Charakter: Marke Eigenbau.

Shownotes

C:ME-Folge “Mentale Modelle für Anfänger”

Studie von Simone Sandkühler über den Aha-Effekt im Gehirn

Musik, die ich verwendet habe

Meine Musik beziehe ich von Epidemic Sound. Dort gibt es eine RIESIGE Bibliothek an fantastischer Musik und Soundeffekte für so gut wie jede Produktion. Alles, was du im Podcast hörst und nicht meine eigene Stimme ist, stammt von Epidemic Sound.
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[00:00]: In Denial (Instrumental Version) – Gloria Tells
[03:02]: Art Culinaire – Raymond Grouse
[06:20]: Sneaking into the Kitchen – Arthur Benson
[10:16]: Milka’s Journey – Lama House
[13:10]: Midwest Diner – Frook
[17:04]: Good Night Waltz – Wendy Marcini

Kapitelmarken

[00:00]: Das Zungenspitzenphänomen
[05:04]: Alphawellen: Wie unser Gehirn im Hintergrund kreativ ist
[10:16]: Die Qualität der Fragen bestimmt dein Leben
[13:10]: Wie Analogien uns helfen

Transkript

Bestimmt kennst du auch die Metapher “es liegt mir auf der Zunge”. Es ist das Gefühl, etwas zu wissen – ein Wort, ein Datum, ein Name – sich aber in diesem Moment gerade nicht daran erinnern zu können. Du bist dir sicher, dass du es mal wusstest, und dass es irgendwo noch in deinem Kopf rumspukt. Bloß kommst du gerade nicht ran, als hättest du eine verschlossene Truhe in der Hand, von der du weißt, dass sie die Antwort enthält, du aber den Schlüssel verlegt hast.

Interessanterweise wird in mindestens 44 weiteren Sprachen fast die gleiche Metapher verwendet wird, um dieses Gefühl zu beschreiben. Es ist daher universal als TOT-Phänomen bekannt (TOT von tip-of-the-tongue).

Doch woher kommt das? Ist es nicht seltsam, dass wir oft wissen, mit welchem Buchstaben oder welcher Zahl etwas anfängt, ohne die restlichen Daten parat zu haben? Wie kann es sein, dass wir sagen können, ob wir etwas wissen, ohne uns daran zu erinnern?

Die unbefriedigende Antwort darauf ist, dass wir für dieses Phänomen keine wirkliche Erklärung haben, genauso wie auf die Frage, warum wir schlafen müssen.


Es gibt aber zwei Theorien dafür.

Die erste besagt, dass unsere neuronale Verbindung zwischen der Bedeutung des Wortes und dem Klang des Wortes schwächelt. In schlauen Worten: Die Verbindung zwischen der Semantik und der Phonologie. Wir wissen also, dass es ein Wort gibt, um etwas zu beschreiben, sind gerade aber nicht in der Lage abzurufen, wie es klingt.

Die zweite Theorie sagt aus, dass wir uns bloß meinen daran zu erinnern, dass es ein Wort zur Beschreibung gab. Was auch immer uns zum Nachdenken gebracht hat, es erinnert uns an irgendetwas, und wir glauben, dass wir dafür ein Wort kennen. Ob es dann tatsächlich so ein Wort gibt, ist eine andere Frage.


Erst letztens hatte ich dieses Zungenspitzenphänomen. Mit einer Schulfreundin von damals habe ich in alten Zeiten geschwelgt, und dabei sprachen wir auch über unsere ehemaligen Jahrgangsmitschüler. Einige Namen haben wir dann auch gegoogelt.
Doch dieser eine Typ, in meiner Klasse damals… wie hieß der nochmal mit Nachnamen? Mehrere Minuten lang zerbrachen wir uns zusammen den Kopf. Es war ein kurzer Nachname. Und fing der nicht mit B an oder so?

Wir konzentrierten uns und konzentrierten uns, kamen aber nicht mehr darauf. Es ist ein frustrierendes Gefühl. Und ein Zeugnis dafür, wie Ideen und Einfälle nicht einfach durch intensiven Fokus forcierbar sind.

In dieser Folge Charakter: Marke Eigenbau möchte ich über Kreativität und Geistesblitze sprechen – über den Moment, in dem man ganz plötzlich die Antwort für ein vorher unlösbares Problem vor Augen sieht. Die Geschichte der Wissenschaft ist gespickt mit Storys, wie brilliante Wissenschaftler an Problemen knobeln und knobeln, und dann bei scheinbar belanglosen Tätigkeiten schließlich ganz plötzlich auf die Lösung kommen.

Wie kommen diese Offenbarungen zustande? Wie können wir mehr davon haben? Und können wir sie bewusst herbeiführen?

Wie wir in dieser Folge sehen werden, sind wir der so kostbaren Lösung am nächsten, wenn wir, frustriert und ratlos, sie am allerwenigsten erwarten.

Ein kleines Rätsel

Ich möchte dir ein kleines Rätsel vorstellen. Es geht so:

Zwei Männer stehen an einem Fluss und wollen auf die andere Seite. Beide können nicht schwimmen, weswegen sie ein Boot benutzen müssen, das am Ufer liegt. Im Boot ist Platz für nur eine Person. Wie können beide Männer den Fluss überqueren?

Hast du eine Idee? 🙂

Dieses Rätsel wurde mir und einigen Familienmitgliedern in einem Escape-Room gestellt. Wir befanden uns gerade im Grabraum eines Pharaos, und die Zeit rannte.
Wir überlegten hin und her, dachten über Seile nach oder irgendwas, um das Boot wieder zurück zum Ausgangsufer zu bekommen, nachdem der erste Mann rübergefahren ist, aber das führte alles zu nichts.

In unserer Verzweiflung riefen wir irgendwelche falschen Lösungen in den Raum. Der “Geist des Pharaos” musste uns schon über Lautsprecher Tipps geben, die uns aber nicht so recht halfen. Wir standen da wirklich ewig rum.

Irgendwann sagte ich aus Quatsch einfach: “Erst fährt der eine und dann der andere”, und der Pharao antwortete dann: “Ja, genau!”, und ließ das in seiner Großzügigkeit als halbrichtige Antwort gelten. Eine Wand seines Grabes schob sich zur Seite und öffnete uns den Weg tiefer hinein. Ich glaube, er hatte einfach Mitleid mit uns.

Das Problem war, dass wir einer falschen Annahme auf den Leim gegangen waren. Im inneren Auge stellten wir uns vor, wie zwei Kumpels nebeneinander am Ufer stehen und sich fragend am Kopf kratzen.
Die Lösung ist aber ganz simpel, wenn einem klar wird, dass die Männer von Anfang an auf gegenüber liegenden Seiten des Ufers stehen! Und so stimmt “Erst fährt der eine und dann der andere” auch.

Es gibt viele Rätsel dieser Art, die absichtlich missverständlich formuliert sind. So denkt man sich früh in eine Sackgasse.

Zur Lösung kommt man nur, wenn man den Rückwärtsgang aus der Sackgasse einlegt und seine Annahmen überdenkt.

Und mit diesem Gedanken setzten sich zwei Forscher an der Universität Wien ein ambitioniertes Ziel: Sie wollten zuschauen, wie das menschliche Gehirn den Rückwärtsgang einlegt.

Alphawellen

Hier ist noch ein kleines Rätsel.

Welches eine Wort verbindet die folgenden drei Wörter? Decke, Fluss, Wanze.

Die Antwort lautet “Bett”. Bettdecke, Flussbett, Bettwanze.

Diese Art von Fragen haben eine Wiener Forscherin namens Simone Sandkühler und ihr Londoner Kollege Joydeep Bhattacharya im Jahre 2008 einer Gruppe von Probanden gestellt.

Mithilfe von Elektroenzephalografie (kurz: EEG) haben sie dabei die Gehirnaktivitäten der Probanden beobachtet, während diese über die Rätsel nachdachten. Natürlich gab es einige, die sofort auf die Lösung kamen, einige, die gar nicht darauf kamen, und viele, die das Rätsel mit einem Hinweis schließlich lösen konnten.

Letztere waren besonders interessant. Sie mussten lange überlegen, knobelten lange konzentriert, und gaben dann auf. Nach dem Tipp aber hatten diesen typischen Aha-Moment. Und das Spannende ist, dass die Forscher diesen Aha-Effekt im Gehirn sehen konnten, Sekunden bevor der Proband sich bewusst war, dass er oder sie gleich auf die Lösung kommen würde.

Sie sahen bei diesen Probanden nämlich eine hohe Aktivität von sogenannten Alpha-Wellen im Gehirn. Alpha-Aktivität bedeutet typischerweise, dass das Gehirn in einem entspannten, weniger aktiven Zustand ist – also nicht konzentriert.
Nachdem die Probanden also aufgegeben hatten, nach einer Lösung zu suchen, arbeitete das Gehirn im Hintergrund weiter. Die Wissenschaftler konnten sogar erkennen, dass die Probanden unbewusst weiter nach einer Lösung für das Rätsel suchten, weil sie sahen, dass die dazugehörigen Gehirnregionen aktiv waren.
Als die Probanden dann einen Hinweis für die Lösung präsentiert bekamen, hatten sie einen Aha-Moment.

Bei Probanden, die keine erhöhte Alpha-Aktivität aufwiesen, brachten auch mehrere Hinweise nichts – sie kamen nicht auf die Lösung.

Und das zeigt uns, dass wir etwas als integralen Teil des Problemlösens ansehen sollten, was wir sonst gern außer Acht lassen: Die Ruhe und Entspannung.

Auf kreative Lösungen zu kommen, ist demnach kein Marathon, sondern eher ein Sprinttraining – ein Intervall von Sprint und Entspannung, Sprint und Entspannung.

Eine simple Wahrheit, doch eine, die wir manchmal zu vergessen scheinen.
Ansonsten gäbe es andere Arbeitsrhythmen für Berufe, die einen hohen kreativen Anteil an ihrer Arbeit haben – Designerinnen, Autoren, CEOs. Vielleicht einen Rhythmus geprägt von 2 Stunden Arbeit im höchsten Fokus, danach Tischtennis spielen, 2 Stunden Arbeit, ein langweiliges Buch lesen, und wieder arbeiten. So in die Richtung.
Ich weiß, dass ich so arbeite, wenn ich zum Beispiel eine neue Podcastfolge schreibe.

Das kreative Gehirn muss die Chance bekommen, im Hintergrund arbeiten zu dürfen. Wenn man einen Muskel nicht gebraucht, kommt er weitestgehend zur Ruhe. Das Gehirn aber ganz und gar nicht, sondern es findet einen Weg, sich selbst zu beschäftigen.

Ich glaube, dass wir in der Arbeitswelt einen zu hohen Stellenwert an “gearbeitete Stunden” setzen, anstelle der Qualität der gearbeiteten Stunden. Stichwort: Gesetz der sinkenden Erträge. Freelancer haben das längst verstanden, und arbeiten zu den Zeiten, in denen sie arbeiten wollen – und bringen so in diesen Stunden ihre beste Leistung.

Die beste Arbeitszeit für unser Unterbewusstsein ist natürlich während unseres Schlafs. Der Legende nach hatte der deutsche Chemiker Friedrich August Kekulé von Stradonitz im Schlaf die Struktur des Benzolmoleküls entdeckt. Benzol besteht aus 6 Kohlenstoff- und 6 Wasserstoffmolekülen, und die Kohlenstoffatome sind in einem Ring angeordnet, was man aber lange nicht wusste. Friedrich August Kekulé erzählte mal, er hätte im Schlaf eine sich in den Schwanz beißende Schlange gesehen, was ihm dann den entscheidenen Einfall gab.

Auch ich hatte so einen kleinen Moment, wenn auch nicht so folgenreich für die Wissenschaft. Ich hatte nämlich mal eine Freundin, die mir eine App-Idee gepitcht hat: Es müsste mal eine App geben, mit der man Milchkühe in seiner Nähe finden kann, damit man sie streicheln gehen kann. Es müsste Fotos von ihnen geben, die man dann nach links oder rechts swipen kann, um die richtige Kuh für dich zu finden.
Wir haben über einen Namen für die App nachgedacht, aber keinen guten gefunden.
In der darauffolgenden Nacht träumte ich dann davon, Schach zu spielen, aber als ich aufblickte, standen um mich herum plötzlich ganz viele Kühe. Ich wachte auf, und noch im Halbschlaf murmelte ich dann “Rinder”. Und da hatte ich den perfekten Namen für die App!

Leider ist aus der App-Idee aber nie etwas geworden. Traurig, ich weiß.

Die Qualität deiner Fragen bestimmt dein Leben

Wir wissen also, dass unser Gehirn uns manchmal unbewusst aus unseren mentalen Sackgassen herausführt. Mit dem Rückwärtsgang gehen wir zurück zu unseren Annahmen, und schauen, ob sie wirklich alle so in Stein gemeißelt sind, wie wir gedacht hatten.

Doch können wir uns auch aktiv aus diesen Sackgassen rausleiten, ohne auf die Inspiration unseres Unterbewusstseins zu warten? Wie können wir uns aus eigener Kraft den Perspektivwechsel erarbeiten, der es uns ermöglicht, auf neue Lösungen zu kommen?

Unser goldenes Ticket zu diesen neuen Ansätzen sind die Fragen, die wir uns selbst stellen. Der inzwischen legendäre Personal Coach Tony Robbins sagte:

Die Qualität deines Lebens ist ein direktes Abbild der Qualität der Fragen, die du dir selbst stellst.

Wenn ich über die Qualität der Fragen nachdenke, stelle ich mir stets ein Labyrinth vor. An dessen Ende steht eine prall gefüllte Schatztruhe. Das Besondere an diesem Labyrinth ist, dass es mehrere Eingänge gibt. Sie sind alle verschieden nah an der Schatztruhe dran, manche weiter entfernt, manche sind nur zwei Ecken weg.
Jeder Eingang steht für eine andere Frage, die du dir selbst stellst. Was du fragst, bestimmt, wie weit entfernt du von der Schatztruhe startest. Jede Frage wird dich mit genug Mühe zum Ziel bringen, doch macht es dir die richtige Frage, die richtige Perspektive, sehr viel einfacher.

Sagen wir mal, du stellst eine unheimlich offene Frage, wie zum Beispiel: “Wie werde ich glücklicher?”. Das wäre ein Beispiel für einen Eingang zum Labyrinth, der ganz weit entfernt vom Schatz liegt, denn mit so offenen Fragen ist es ganz schwer zu arbeiten.

Eine bessere Frage ist da schon: “Was mache ich derzeit, was mich unglücklich macht?”. Du drehst es also auf den Kopf. Das ist schon leichter zu beantworten. Vielleicht auch “Was würde ich tun, wenn ich mein Leben absolut in den Sand setzen wollen würde?” – du müsstest dafür sorgen, dass du dich schrecklich ernährst, zu wenig schläfst, dich mit den falschen Leuten umgibst, so etwas – und so weißt du dann schon einmal, was du vermeiden solltest. Bestimmt gibt es noch mehr Fragen, die dich noch näher an der Schatztruhe platzieren.

Unterschätze niemals den Wert von den richtigen Fragen zur richtigen Zeit. Sie erlauben dir, mit deinem üblichen Gedankenmustern zu brechen. Ich kann vieles von dem, was in meinem Leben richtig lief, darauf zurück führen, dass ich mich hinsetzte und mir selbst die unangenehme, aber wichtige Fragen stellte.

Analogien

Hier ist ein letztes Rätsel für dich, in dieser Folge. Sei jedoch nicht überrascht, wenn du nicht direkt auf die Lösung kommst: In einer Studie konnten ganze 97% der Probanden keine richtige Antwort liefern, ohne einen Hinweis zu bekommen.

Du bist Arzt und hast einen Patienten mit einem bösartigen Magentumor. Der Geschwulst ist inoperabel, muss aber zerstört werden, wenn der Patient überleben soll. Mit einem bestimmten Gerät ließe sich der Tumor bestrahlen und ausmerzen. Dabei müssen die Strahlen den Tumor mit ausreichender Intensität treffen. Leider wird bei so einer Dosis auch das gesunde Gewebe zerstört, das die Strahlen auf ihrem Weg zur Geschwulst passieren müssen. Eine geringere Dosis ist für das Gewebe unschädlich, aber leider auch für den Tumor. Mit welchem Verfahren ließe er sich mit Strahlen vernichten, ohne umliegendes gesundes Gewebe zu schädigen?

Diesmal sind es nicht falsche Annahmen, die uns hindern, dieses Rätsel zu lösen. Hier muss man wirklich kreativ werden.

In der Folge Mentale Modelle für Anfänger habe ich eine Methode vorgestellt, die ich “Woran erinnert mich das?” getauft habe. Es ist ein wertvolles Werkzeug, um bereits gelernte Konzepte und mentale Modelle auf eine neue Situation anzuwenden.

Sprich: Du wendest eine Analogie an. Und auch bei diesem Rätsel mit dem Tumor und den schädlichen Strahlen ist der beste Hinweis, den man geben kann, folgende Analogie:

Im Herzen des Landes stand eine Festung von der strahlenförmig viele Straßen ausgingen. Ein Feldherr wollte die Festung mit seiner Armee einnehmen, aber auch verhindern, dass Minen an der Straße seine Soldaten töten und umliegende Dörfer zerstören. Er konnte also nicht die gesamte Armee auf einer Straße zum Angriff vorrücken lassen. Allerdings wäre der Angriff einer kleinen Gruppe zum Scheitern verurteilt gewesen; die ganze Armee wurde gebraucht, um die Festung einzunehmen. Deshalb teilte der Feldherr sie in mehrere kleine Trupps auf, die er in jeweils gleicher Entfernung postierte. Diese Trupps rückten gleichzeitig auf die Festung vor, sodass letztlich die gesamte Armee die Festung einnahm.

Nachdem Probanden diese Geschichte gehört hatten, konnten 70% plötzlich die richtige Methode nennen, wie man den Tumor erfolgreich bekämpfen kann. Man benutzt mehrere Strahlen, die unterschiedliche Eintrittspunkte im Körper haben, aber sich alle im Tumorgebiet treffen. So bekommt der Tumor die maximale Strahlung ab, und das gesunde Gewebe bleibt dabei unbeschädigt.
Diese Methode wird in der Radiologie übrigens wirklich eingesetzt. Man nennt es 3D-Konformale-Strahlentherapie.

Analogien sind schon seit jeher eine starke Methode, wie wir neue Dinge lernen: Geschichten, besonders welche mit einer Moral, sind nichts anderes als Quellen von Analogien für uns.

Überhaupt sind Geschichten ein gutes Medium, über das wir Ratschläge und Lektionen weitergeben können. Probier es aus: Wenn dich jemand das nächste Mal nach einem Ratschlag fragt, dann biete ihr oder ihm stattdessen eine kurze Geschichte an, in der dein Ratschlag als Moral vorkommt.

Das ist deswegen genial, weil Leute was tun, wenn du ihnen einen Ratschlag gibst? Sie versuchen sofort dagegen zu argumentieren oder dir zu erklären, warum das, was du sagst, in diesem Fall nicht zutrifft. Gegen das, was in der Geschichte ablief, kann man aber nicht argumentieren. So ist es geschehen, und fertig. Auf diese Weise ist dein Ratschlag eine sehr viel leichter zu schluckende Pille. Lass mich wissen, wie gut es für dich funktioniert.

Die Moral dieser Folge

Was ist die Moral dieser Folge?

Manchmal ist es ja so, dass wir nicht in einer mentalen Sackgasse stecken, sondern uns wirklich auf dem falschen Weg befinden; wenn wir uns an einem Problem festbeißen und ewig auf einen Geistesblitz warten, könnte es sein, dass wir von Anfang an dem falschen Problem gearbeitet haben, oder nicht? Ja, das könnte sein.

Wie so oft im Leben müssen wir nach der Balance suchen: Wir müssen versuchen, unsere beste Intuition anzuwenden, um zwischen diesen beiden Fällen zu unterscheiden.

In dieser Folge wollte ich dir zeigen, wie Frustration, ja sogar Verzweiflung, Vorboten der besten Ideen sein können. Mir gefällt die Phrase: “Am dunkelsten ist die Nacht vor der Dämmerung”. Genau dann, wenn man überzeugt ist, dass man keine Lösung finden wird, steht man kurz vor dem Finden der Lösung.
Das könnte man unfair finden, wie ein sadistischer Streich des Universums. Kurz vor dem Ende sorgt es dafür, dass wir aus Frust hinschmeißen mögen. In einer Mischung aus Enttäuschung und Wut fragen wir uns, warum es uns das Leben so unnötig schwer macht. Wer kennt dieses Gefühl nicht?

Doch wenn man über diesen Satz nachdenkt – “Am dunkelsten ist die Nacht vor der Dämmerung” – eigentlich ist es ein beruhigender und ermutigender Satz. Es ist etwas, das ich mir oft aktiv klar machen muss: Es ist okay, sich mit einem Problem abzumühen und lange knobeln und tüfteln zu müssen. Es heißt nicht, dass man zu doof für die Lösung ist. Nein, es gehört einfach dazu, bevor es einem im Kopf dämmert. Vielleicht muss man einfach eine andere Frage stellen. Oder die richtige Analogie finden.

Diese Folge habe ich also genauso sehr für mich gemacht, wie für dich.

Es gibt da ein Zitat aus der Netflix-Serie “House of Cards”:

“Wenn dir nicht gefällt wie die Karten auf dem Tisch liegen, dann wirf den Tisch um!”

Ich bin der Typ Mensch, der beim ersten Anzeichen einer scheinbaren Sackgasse den Tisch umwirft, so auf mein Leben bezogen. Probleme mit dem Chef? Da muss ich wohl kündigen. Probleme in der Beziehung? Da muss ich wohl Schluss machen. Ich würde nicht von Fehlentscheidungen sprechen, aber es hat zu sehr eindimensionalen Sichtweisen in mir geführt. Zum Schwarz-Weiß-Denken.

Doch eigentlich ist das Zitat aus House-of-Cards anders gemeint. In der Folge, in der dieses Zitat auftaucht, geht es darum, dass der Vize-Präsident der Vereinigten Staaten vor zwei Optionen steht, die beide negativ sind. Es ist eine “Welches Gift willst du trinken”-Situation. Doch die Folge endet damit, dass er nach langem Kopfzerbrechen den metaphorischen Tisch umwirft. Er bringt eine dritte Option ins Spiel, die niemand vorhergesehen hat – vorgeschlagen von einer Außenstehenden. So ähnlich wie unser Unterbewusstsein uns eine neue Option vorschlägt, wenn wir nicht damit rechnen.

Oh, und außerdem: Beim Schreiben dieser Podcastfolge, als es darum ging, wie das Gehirn nach ergebnisloser Konzentration im Hintergrund weiterarbeitet, dachte ich noch einmal über den Nachnamen meines einen Jahrgangsmitschülers nach. Der Name, der mir an dem einen Abend auf der Zunge gelegen hatte.

Er fiel mir jetzt sofort ein.

Lustig, wie das funktioniert.


Beitragsbild von Ameen Fahmy auf Unsplash

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