Die Samen, die wir säen – Vergiss Neujahrsvorsätze, mach einen Jahresrückblick

Hast du auch schon einmal Neujahrsvorsätze gemacht, die du letztendlich nicht eingehalten hast? Warum du lieber einen Jahresrückblick machen solltest und was Patricks Methode dafür ist, hörst du in dieser Folge Charakter: Marke Eigenbau. Bonus: Höre Patrick über seinen eigenen Jahresrückblick reden.

Shownotes

Achtung! Ich habe dummerweise von “Fünf Fragen” gesprochen, die in der Jahresrückblicks-Methode vorkommen. Stellt sich heraus, es sind bloß vier 🙂 Hoppla, bitte sei nicht verwirrt!

Musik, die ich verwendet habe

Meine Musik beziehe ich von Epidemic Sound. Dort gibt es eine RIESIGE Bibliothek an fantastischer Musik und Soundeffekte für so gut wie jede Produktion. Alles, was du im Podcast hörst und nicht meine eigene Stimme ist, stammt von Epidemic Sound.
Für eine monatliche Pauschale darf man so viele Lieder und Soundeffekte in seiner Produktion verwenden, wie man will – wie Podcasts, Videos, Hörbüchern, …

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[00:00]: Could You Swing – White Bones
[03:49]: Turmoil – Rasmus Faber
10:18: Figured Out – Arthur Benson
[15:03]: Empty Sky – Wanderer’s Trove
[19:19]: Mountain Quail – Dust Follows
[24:24]: La Danse Lente – OTE

Kapitelmarken

[00:00]: Warum Neujahrsvorsätze meistens nicht klappen
[03:49]: Der Jahresrückblick – Die Tim-Ferriss-Methode
[05:32]: Der Schnappschussplot
[15:03]: Welchen Fehler möchte ich im kommenden Jahr nicht wiederholen?
[16:15]: Was, wenn ich das nächste Jahr genau so noch einmal durchleben müsste?
[19:19]: Welchen Titel trägt das vergangene Jahr?
[23:07]: Welche Samen habe ich gesät?

Nützliche Links

C:ME-Folge “Psychologie der Zeit” – In die Zukunft schauen, und sich an die Vergangenheit erinnern – wie funktioniert das, im Gehirn? In dieser Folge spreche ich darüber, und es liefert etwas Kontext, warum ich den Jahresrückblick für zielführender als die Neujahrsvorsätze halte.

C:ME-Folge “Stoizismus – Vernichte Stress, finde ungeahnte Stärke” – In der heutigen Folge sprach ich auch darüber, wie ich mich im nächsten Jahr noch häufiger auf stoische Werte besinnen will. Was der Stoizismus ist und in meinem Leben bedeutet, hörst du in der hier verlinkten Folge.

Transkript

Warum Neujahrsvorsätze meistens nicht klappen

Neujahrsvorsätze. Jedes Jahr nehmen wir uns vor, in den nächsten 12 Monaten schneller, höher, weiter zu kommen. Wir wollen Gewicht verlieren, mehr Geld verdienen, mehr Zeit mit der Familie verbringen. Wir wollen endlich spanisch lernen, mehr um die Welt reisen und weniger Zeit am Handy verbringen.

Doch jeder weiß, dass diese Vorsätze oft daneben gehen. Warum?
Dafür sehe ich zwei Gründe.

  1. Die Ziele sind schwammig formuliert. Viele Menschen haben die Tendenz, ihre Ziele nicht genau zu quantifizieren. Denn wenn man das Kriterium für den Erfolg genau festsetzt, hat man gleichzeitig das Kriterium für den Fehlschlag definiert. Man sagt beispielsweise, dass man 10.000€ Jahr mehr in diesem Jahr verdienen will – dann ist das Kriterium für Fehlschlag, 9.999€ oder weniger dazu zu verdienen. Menschen wollen aber nicht fehlschlagen. Es tut weh, zu wissen, dass man etwas nicht erreicht, was man sich vorgenommen hat. Also quantifizieren wir das Ziel gar nicht erst, damit wir bloß still und heimlich fehlschlagen, nicht vollen Wissens.
    Das ist keine nachhaltig kluge Strategie – natürlich nicht.
  2. Zweiter Grund, warum unsere Vorsätze daneben gehen: Wir vergessen, wie aufgebläht unser Leben bereits ist. Wir laden immer mehr auf unseren Teller, anstatt zu reduzieren. Wenn wir uns vorstellen, wie wir im nächsten Jahr jeden Abend Zahnseide benutzen, dann ist dieses Ich in unserer Vorstellung kein realistisches Ich, nicht wirklich wir.
    In [[Psychologie der Zeit]] wurde erklärt, was das Problem ist, wenn wir Menschen in die Zukunft schauen: Wir stellen uns einige, wenige Details vor, die wir über die Zukunft schon wissen mögen. Wir versuchen dann, mit denen ein vollständiges, akkurates Bild zu malen. Wir können vor unserem inneren Auge sehen, wie wir regelmäßig um 8 Uhr morgens aufstehen, um Joggen zu gehen, doch vergessen wir, dass unser Schlafrhythmus heftig dagegen kämpfen wird. Wir sehen, wie wir standhaft jeden Abend bis 18 Uhr fleißig studieren und lernen, wissen aber noch nicht, welche Verführungen uns unser innerer Schweinehund unter die Nase reiben wird.

Fakt ist: Der Blick in die Zukunft ist schwammig, und Neujahrsvorsätze meistens auch, weil sie nicht richtig gemacht werden. Worauf wir aber einen klareren Blick haben, ist die Vergangenheit. Wir können nicht genau sagen, was in der Zukunft klappen wird, können aber sagen, was im vergangenen Jahr nicht geklappt hat. Was hat uns zum Lachen gebracht? Was zog uns runter? Was machte uns wütend? Was war alle seine Mühe wert?
Und aus diesem Rückblick vermögen wir direkt umsetzbare, informierte Entscheidungen und Erkenntnisse für die Zukunft ziehen.

In dieser Folge Charakter: Marke Eigenbau spreche ich über den Jahresrückblick, den ich selbst gemacht habe. Welche Schritte habe ich dafür befolgt? Welche Fragen habe ich beantwortet?
Es gibt einige Vorschläge und Vorlagen im Internet, wie ein Jahresrückblick am besten gemacht werden sollten, doch ich fand sie meistens zu verbos und aufgebläht. Der Prozess selbst muss gar nicht lang dauern. Es sollten 45 Minuten Rückblick, anderthalb Stunden Aktion sein. Ein Nachmittag also.

Verzeih mir, wenn in dieser Folge meine Stimme etwas anders klingt. Leider bin ich erkältet, aber das stehen wir durch.

Tim-Ferriss-Methode

Wie sieht also der Prozess für meinen Jahresrückblick aus?

Als Erstes kommt etwas, das ich schamlos vom amerikanischen Podcaster und Solopreneur Tim Ferriss gestohlen habe. Ein sehr simpler Prozess.
Man nimmt Notizbuch und Stift (digital geht auch) und macht zwei Spalten. Die eine Spalte bekommt den Titel “POSITIV”, die andere “NEGATIV”.

Nun muss man einen Weg finden, jede Woche des Jahres grob nachvollziehen zu können. Hat man einen gut gepflegten Kalender? Ein Notizbuch?

Gehe durch jede Woche durch und notiere stichpunktartig einige Dinge, die Spitzenemotionen in dir erzeugt haben – Momente, an denen du dich besonders glücklich, oder unglücklich gefühlt hast. Menschen, Aktivitäten und Verpflichtungen, die dir diese Gefühle gegeben haben, packst du in die jeweilige Spalte. Positiv oder negativ. Das tust du für jede Kalenderwoche.

Solltest du keinen Weg haben, die Wochen durchgehen zu können, auch nicht grob, dann versuche, dich mithilfe einiger Eckpunkte erinnern zu können. Achte jedoch darauf, nicht dem Rezenzeffekt zu verfallen. Der besagt, dass später eingegangene Informationen und Erinnerungen einen größeren Einfluss auf dich haben, als frühere Erinnerungen. Sprich, was im September geschehen ist, hat einen größeren Einfluss auf deine Einschätzung des gesamten Jahres, als der Februar es hat.
Damit das nicht geschieht, ist es eben gut, mit einem Kalender oder Ähnlichem vorzugehen.

Schnappschussplot

Wenn du das getan hast, ist etwas an der Reihe, das ich den “Schnappschussplot” taufe. Dafür hast du sieben Kategorien, die du nun auf einer Skala von 1-10 bewertest.

Die Kategorien lauten:

  • Gesundheit
  • Freunde & Familie
  • Liebe
  • Karriere
  • Spiritualität
  • Spaß
  • Persönliche Entwicklung

Nun vergibst du Punkte. Wie zufrieden bist du mit der jeweiligen Kategorie jetzt, am Ende diesen Jahres? Welche Tendenz nimmt dieses Thema in deinem Leben, geht es in eine positive, oder negative Richtung?

Wichtig bei der Bewertung ist: Eine 7 zu vergeben, ist nicht erlaubt. Am Ende willst du etwas aus dem Plot herauslesen, und eine Sieben hilft dir gar nicht. Eine Sieben ist nichtssagend. Ist Sieben nun etwas, was gut genug ist, oder Handlungsbedarf anzeigt? Man weiß es nicht, und deswegen bitte ich dich, zu entscheiden, wenn du an dieser Grenze bist. 6 oder 8? Das wird deutlich genauere Aussagen später für dich produzieren.

Mein Plot

Auf der Website des Podcasts, www.charaktermarkeeigenbau.de, kannst du ein Bild von meinem Schnappschussplot sehen. Hier möchte ich ihn dir ein wenig beschreiben.

Gesundheit: 6 Punkte. Ich habe zwar angefangen, mich gesünder zu ernähren, mache aber deutlich weniger Sport als noch vor einem Jahr. Außerdem muss ich mehr darauf achten, dass meine Ernährung ausbalanciert ist und mein Nährstoffhaushalt besser ausgeglichen wird.

Familie & Freunde: 6 Punkte. Dieses Jahr war viel davon geprägt, dass ich innerhalb Deutschlands nach meinem Zuhause gesucht habe. Ein Nebeneffekt war, dass ich meinen sozialen Kreis ständig aufgebaut und wieder verlassen habe. Meine dauerhafte Ankunft in Berlin soll das nun ändern, indem ich feste Hobbies und Gruppen starte. Für meine Familie hatte ich mittelmäßig viel Zeit.

Liebe: 4 Punkte. Die niedrigste Bewertung in diesem Plot. Dieses Jahr markierte das Ende meiner langjährigen Beziehung, und ich konnte das Single-Leben bereits ausleben. Allerdings kann ich sagen, dass wenn ich nächstes Jahr an genau dem gleichen Punkt sein werde, wie jetzt, wäre ich ziemlich unglücklich, und das bedeutet für mich eine Vier.

Karriere: 9 Punkte. Oh ja. Dieses Jahr habe ich Sprünge gemacht, was meine berufliche Zukunft an geht. Es ist auch viel Zeit dieses Jahr in meine Arbeit hineingeflossen. 9 Punkte bedeuten für mich nicht, dass ich fände, dass meine Karriere selbst jetzt zu diesem Zeitpunkt hervorragend sei, sondern, dass die Richtung das sei. Ich bin glücklich mit dem Fortschritt, den ich in meiner Arbeit gemacht habe.

Spiritualität: 6 Punkte. Auf mein Leben bezogen, interpretiere ich Spiritualität als Zeit, die ich regelmäßig für mich einräume, um eine innere Ausgeglichenheit zu finden. Zeit, in der ich meinen Verstand wieder auf eine bestimmte Perspektive justiere. Meine Perspektive, die ich suche, ist die auf stoische Werte, Dankbarkeit, Gleichmut, und ein Gefühl der Dringlichkeit im Leben (Memento mori). Dafür würde ich gern noch einen besseren Prozess für meinen Alltag einbauen. Übrigens, mehr zum Stoizismus, findest du in meiner Podcastfolge darüber. Dort erzähle ich mehr von dieser antiken Philosophie, verpackt in einer persönlichen Geschichte von mir.

Spaß: 8 Punkte. Ich habe Spaß am Improtheater und weiteren Gruppenaktivitäten gefunden. Da gibt es nicht viel mehr zu sagen. Ja doch, ich habe viele Wege gefunden, mir die Tage spaßig zu machen.

Und zuletzt: Persönliche Entwicklung: 9 Punkte. In diesem Jahr habe ich viel Introspektion unternommen, zum Beispiel mit meinen Morgenseiten. Ich habe viel Zeit in Isolation verbracht, um besser zu verstehen, was es ist, was ich wirklich will und was meine Aufgabe auf dieser Erde ist. Es hat oft in meinem Kopf Klick gemacht in diesem Jahr. Ich habe viele rote Fäden in meinem Leben entdeckt, die mir vorher verborgen blieben.

Pareto-Analyse

The good

Jetzt, wo du mit deinem Schnappschussplot fertig bist, gehen wir noch einmal kurz zurück zu deinen zwei Spalten: Der Positiv- und Negativspalte. Es wird es Zeit für eine Pareto-Analyse.

Welche 20% der Einträge in der Positiv-Spalte haben dir die verlässlichsten, kräftigsten Spitzenemotionen gegeben? Welche Dinge waren dieses Jahr immer wieder die Highlights in deinen Wochen, ohne dabei einmalige, spaßige Events gewesen zu sein? Versuche, eine Kategorie für sie zu finden. Bei mir waren diese 20% ganz klar zwei Dinge: Gemeinsame Zeit mit Familie und Freunden, und die Arbeit an etwas Bedeutsamen (mit Betonung auf bedeutsam, nicht nur irgendwelche Arbeit).

Es ist klar, dass du möglichst viel davon in deinem Leben haben willst. Nun schau in den Schnappschussplot: War dein letztes Jahr denn auch besonders geprägt von diesen Dingen, die dich glücklich machen? Hast du ihnen genug Zeit eingeräumt? Spiegelt dein Plot wider, dass du deinen Fokus auf die Teile in deinem Leben setzt, die dir positive Emotionen geben?

Mein Plot zeigt mir klar: Ich sollte deutlich mehr Zeit mit meinem engsten Kreis verbringen. Die letzte Podcastfolge handelte von Einsamkeit, wie sozialer Kontakt ein Grundbedürfnis von uns Menschen ist. Ein Bedürfnis, das wir wie Hunger und Müdigkeit stillen müssen, sonst droht uns nicht nur Kummer, sondern körperliche, gesundheitliche Folgen. Sozialer Kontakt ist derart wichtig, und ich sollte es für das nächste Jahr nicht vernachlässigen.

Also, was tut man, wenn man so eine Einsicht aus dem Jahresrückblick gewonnen hat? Nimmt man es einfach zur Kenntnis und zieht weiter? Nein, man unternimmt jetzt direkt in diesem Moment etwas, um in der Zukunft dagegen zu steuern.

Was habe ich getan?
Ich habe
– einen gemeinsamen Urlaub mit Freunden geplant.
– mich bei einer Improtheatergruppe in Berlin gemeldet, damit ich dort mitspielen kann und die Leute dort kennenlernen kann.
– eine Rollenspielgruppe gegründet, die nächstes Jahr beginnt, zu spielen.
– mit einer guten Bekannten geplant, dass ich sie nächsten Frühling in Frankreich besuche.
– meine Weihnachtsgeschenke darauf ausgelegt, dass sie dazu führen, dass wir uns treffen und sie gemeinsam verwenden. Dafür habe ich gleich zwei Krimidinnerabende verschenkt und ein gemeinsamer Besuch einer Messe. Präsenz ist das beste Präsent.

Das sind alles Dinge, auf die ich mich jetzt schon im neuen Jahr freuen kann, und es ist wichtig, sie bereits zu planen. Ansonsten wird man mitten im Alltagstrott stecken und diese so wichtigen Unternehmungen auf ein unbestimmtes Morgen verschieben, in dem man auf magische Art und Weise mehr Zeit hat.
Nein, die Dinge, die dich glücklich machen, sind es wert, als aller erstes in deinem Kalender zu landen und auch eisern gegen andere Verpflichtungen verteidigt zu werden. Punkt.

The Ugly

Nun kommt eine kurze Pareto-Analyse der Negativ-Seite. Gibt es Personen, Aktivitäten oder Verpflichtungen, die ständig deine Laune runter gezogen haben? Ein immer wiederkehrendes Lowlight in deiner Woche, ein dauerndes Ärgernis?

In meinem Fall waren es keine Personen, die mich oft geplagt haben, sondern es waren Selbstzweifel. Zweifel, ob ich gerade an den richtigen und wichtigen Dingen arbeite. Ob ich mein wahres Potenzial ausschöpfe, und ob meine derzeitige Richtung im Leben wirklich das ist, das ich eigentlich will. Diese Art von Selbstzweifel. Die haben mich immer wieder im Jahr heimgesucht und mir kurze Phasen des Unwohlseins beschert.

Nun, es gibt kein Grund der Welt, diesen Dingen mehr Zeit als unbedingt nötig zu schenken. Schieb sie in eine “UNBEDINGT-VERMEIDEN”-Liste. In meinem Fall habe ich auf ein Blatt Papier dick und fett “Selbstzweifel – Nein danke.” geschrieben und es mir direkt neben meine Tür gehängt. Das werde ich die ersten paar Wochen des nächsten Jahres dort lassen, und mich immer wieder kurz daran erinnern, dass Selbstzweifel so wenig Rampenlicht wie möglich in meinem Leben verdient haben.

Vier abschließende Fragen

In den letzten Teil des Jahresrückblicks habe ich noch fünfvier(!) Fragen und Gedankenspiele gepackt. Es sind die fünfvier, von denen ich glaube, dass sie die wertvollsten Einblicke erlauben, ohne besonders verbos und ausführlich zu sein.

Welchen Fehler möchte ich im kommenden Jahr nicht wiederholen?

Eine selbsterklärende Frage. Meine Antwort darauf lautet: Ich möchte meine Ziele präziser definieren.
Mein bisheriger Ansatz war, eine vage Idee zu haben, und mich direkt darauf zu stürzen, Taten in diese Richtung zu unternehmen.

Damit bin ich nicht völlig unzufrieden. Es ist unmöglich, den gesamten Weg vor einem bis zu einem Ziel bis ins letzte Detail vorherzusehen. Der Pfad zum Goldtopf ist stets gespickt von Schlangenlinien und Umwegen, und deswegen ist es besser, einfach zu machen und das “wie” währenddessen herauszufinden.
Verbesserungswürdig bei mir war jedoch, dass ich das “was” nicht genau genug definiert habe. Das hat dann auch zu den Selbstzweifeln geführt, die mich von Zeit zu Zeit plagten.

In der Zukunft möchte ich genau definieren und dann marschieren.

Was, wenn ich das nächste Jahr genau so noch einmal durchleben müsste?

Ein simples Gedankenspiel, das inspiriert von einem Abschnitt aus Friedrich Nietzsches Die fröhliche Wissenschaft, aus dem Jahre 1897, stammt. Er beschrieb es folgendermaßen:

Wie, wenn dir eines Tages oder Nachts, ein Dämon in deine einsamste Einsamkeit nachschliche und dir sagte: “Dieses Leben, wie du es jetzt lebst und gelebt hast, wirst du
noch einmal und noch unzählige Male leben müssen; und es wird nichts
Neues daran sein, sondern jeder Schmerz und jede Lust und jeder
Gedanke und Seufzer und alles unsäglich Kleine und Grosse deines
Lebens muss dir wiederkommen, und Alles in der selben Reihe und
Folge—und ebenso diese Spinne und dieses Mondlicht zwischen den
Bäumen, und ebenso dieser Augenblick und ich selber. Die ewige
Sanduhr des Daseins wird immer wieder umgedreht—und du mit ihr,
Stäubchen vom Staube!”—Würdest du dich nicht niederwerfen und mit
den Zähnen knirschen und den Dämon verfluchen, der so redete?

So weit wollen wir nicht gehen, und wie bei “Und täglich grüßt das Murmeltier” behaupten, man müsste das gesamte Leben immer und immer wieder durchleben, ohne einen Hauch ändern zu müssen.

Es ist aber ein interessanter Gedanke: Was, wenn du wüsstest, dass du das letzte Jahr noch einmal durch leben würdest? Sagen wir, während des Jahres ist dir nicht bewusst, dass du es zum zweiten Mal lebst. Es geht jetzt bloß um die Phase, in der du die Nachricht bekommst, dass du ein weiteres Mal durch das letzte Jahr gehen wirst. Wie geht es dir mit dieser Nachricht?

Wirst du vor Freude in die Luft springen und “Hurra, Hurra!” schreien? Wirst du von bodenloser Deprimiertheit ins Gesicht geschlagen und dir alles andere, bloß das nicht, wünschen? Oder wirst du denken: “Hm, es gibt Dinge, die würde ich schon gern ändern, wenn ich könnte. Aber vieles ist auch richtig gelaufen. Von daher mache ich mir keinen großen Kopf darum”.

Bei mir ist es das Dritte. Allerdings ist das bei mir das System-2-Denken. Der allererste Gedanke geht bei mir nämlich zuerst zu den Dingen, die ich auf keinen Fall wieder erleben möchte. Und erst, wenn ich aktiv darüber nachdenke, fällt mir auf, wie viel Gutes und Herzerwärmendes in diesem Jahr geschehen ist. Vielleicht geht es nicht nur mir so. Es ist irgendwie eine traurige Sache. Wie anders wäre es, wenn es standardmäßig so wäre, dass man zuerst an die positiven Dinge im Jahr denkt? An das, wofür man dankbar ist? Ich beneide die Menschen, die dazu in der Lage sind.

Immerhin hat mir dieses Gedankenspiel aber geholfen, diese positiven Dinge noch einmal emotional Revue passieren zu lassen.

Welchen Titel trägt das vergangene Jahr?

Diese Frage halte ich für wertvoll, weil es einen dazu bringt, die Geschehnisse im Leben als Teil einer übergreifenden Storyline zu sehen. Man sieht so das größere Bild, die Narrative, die einen begleitet.

Es gibt Narrativen, die uns eher schaden, als zu helfen – zum Beispiel, wenn wir uns erzählen, wir seien schwach oder mittellos, oder arm dran. Diese Gedanken werden dann zur selbsterfüllenden Prophezeiung, und hindern uns schließlich daran, zu sehen, dass sie eigentlich nicht stimmen. Wenn wir uns selbst bemittleiden, oder uns selbst klein halten, dann schaden wir uns nur selbst.

Es gibt aber auch Narrativen, die einen positiven Effekt auf uns haben können. Sie können uns bestärken, uns unterstützen, und Hoffnung spenden. Sie lassen uns Fehlschläge als temporären Rückschlag auf einer Reise zu einem größeren Ganzen sehen.

Also ist es Teil meines Jahresrückblicks, mich zu fragen, welchen Titel dieses Jahr trägt. Ich habe mich instinktiv für den Titel “Nach den Schlüsseln suchen” entschieden.

Einerseits mag ich die Symbolik des Schlüssels. Wie erwähnt, ich habe viele Fragen über mich selbst beantwortet, dieses Jahr. Und Schlüssel symbolisieren das so schön: Schlüssel bedeutet entschlüsseln, bedeutet Rätsel, Geheimnisse, Fragen lösen und beantworten.

Auf einer anderen Ebene passt der Schlüssel zum letzten Jahr, weil ich viel nach meinem Zuhause gesucht habe. Dieses Jahr habe ich in 6 verschiedenen Städten Deutschlands mehrere Tage am Stück gelebt, ohne Urlaub dort zu machen. Ich bin also viel rumgekommen. Somit trägt der Titel “Nach den Schlüsseln suchen” für mich auch die Bedeutung, dass ich nach dem Haustürschlüssel gesucht habe, der für mich passt.

Und zuletzt, passt der Titel, weil ich es erst letztens als Analogie verwendet habe. Eine gute Bekannte von mir sprach darüber, wie sie gerade aus einer von Missbrauch geprägten Beziehung kam und nun durch Europa reist, als Teil ihres Heilungsprozesses.

Dass sie es geschafft hat, diese Beziehung zu verlassen, finde ich absolut fantastisch. Doch ich konnte nicht anders, als mich zu fragen, ob das Reisen das Mittel für einen Heilungsprozess ist.

Ich weiß leider nicht mehr, wie genau es lautete, aber ein britischer Philosoph sagte mal auf prägnante Weise, dass es seltsam ist, wenn Leute auf Reisen gehen, um sich selbst zu finden, oder um seine eigenen Probleme zu lösen – denn die Wurzel dieser Probleme begleitet dich auf Schritt und Tritt, denn das bist du selbst.
Und diesen Gedanken verglich ich in meinem Kopf damit, wie man manchmal nach seinen eigenen Schlüsseln sucht, bevor man das Haus verlässt – bloß um dann festzustellen, dass sie bereits in der eigenen Hosentasche stecken, und man sie die ganze Zeit mit sich rumgetragen hatte.

Und plötzlich sah ich, wie ich diese Analogie auch auf das vergangene Jahr anwenden konnte: Mehr als einmal kam es vor, dass ich nach einer Lösung für ein Problem suchte, bloß um dann festzustellen, dass das Problem in meiner eigenen Perspektive bestand. Mit einem anderen Blickwinkel und etwas Empathie verschwanden diese Probleme, und so hatte ich dann die Schlüssel für dieses Problem in meiner eigenen Hosentasche gefunden.

Welche Samen habe ich gesät?

Ich habe mal eine Analogie aufgeschnappt, ein mentales Modell, das mir gut gefällt, nämlich das der Samen, die wir mit unserem Handeln säen.

Manchmal ernten wir mit ganz kleinen Handlungen, die wir tun, kleinen Samen, die wir werfen, an einem späteren Zeitpunkt süße Früchte.

Der Autor Neil Gaiman erzählte zum Beispiel, wie er einmal auf einem Friedhof war, mit seinem zweijährigen Sohn, der dort Dreirad fuhr. Dort hatte Gaiman eine Idee für eine neue Geschichte – ein Buch über einen Jungen, einen Waisen, der von den Bewohnern eines Friedhofs adoptiert und aufgezogen wird. Er konzipierte ein, zwei Seiten mit dieser Buchidee, doch er ließ es wieder liegen. Er widmete sich anderen Projekten. Dann, 20 Jahre später, erinnerte er sich an diese eine Idee, dieser Junge, der auf dem Friedhof großgezogen wird – wie ein Dschungelbuch auf dem Friedhof.

Dieser Samen der Buchidee brauchte 20 Jahre, um in Herrn Gaiman zu wachsen. Er kramte sein altes Manuskript hervor, und schreib weiter, und weiter, und merkte, wie leicht es ihm von der Hand ging. 20 Jahre lang hatte sein Unterbewusstsein bereits an dieser Geschichte geschrieben. Das Endresultat war “Das Graveyard-Buch”. Ein erfolgreicher Fantasy-Roman.

Welche Samen hast du dieses Jahr gesät? Worauf kannst du dich im nächsten Jahr freuen?

Nachdem du die vorherige Pareto-Analyse gemacht hast, hast du ja hoffentlich einige Samen gesät, um die positiven Gefühlstreiber in dein nächstes Jahr zu planen.

So ging es mir jedenfalls. Außerdem habe ich mich zum ersten Mal für einen Triathlon angemeldet. Oh, auf das Training freue ich mich schon. Ich bin derzeit noch ein lausiger Schwimmer, und schaue begeistert ins nächste Jahr, in dem ich einen Kraulkurs für Anfänger machen werde. Das wird richtig cool!

Das Ende des Jahresrückblicks

Genau das ist der Grund, warum ich am Ende des Jahresrückblicks auf die Samen schaue, die ich bereits gesät habe. Man freut sich immens auf das nächste Jahr. Wenn man das tun kann, bedeutet das eine Menge für die geistige Gesundheit.

Mit dem Ende des Jahresrückblicks endet auch diese Folge Charakter: Marke Eigenbau. Es ist die letzte Folge im Jahr 2021. Fühlt sich seltsam an, das zu sagen. Es klingt aber irgendwie grandios, und deswegen erwähne ich es gern.

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Dir wünsche ich ein schönes Restjahr und ein noch besseres nächstes Jahr. Mach’s gut und bis bald.

Beitragsbild von Ethan Hoover auf Unsplash

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