Genügsamkeit – Zwei Stories, in denen wir Menschen gelernt haben, etwas zu brauchen

Schon immer führten Erfindungen und Marketing dazu, dass wir Menschen lernen, etwas zu wollen – nicht erst seit Steve Jobs uns Smartphones brachte.
Zwei verblüffende Beispiele dafür und was schon vor 100 Jahren in einer indischen Dichtung zu diesem Thema gesagt wurde, das hört ihr in der heutigen Folge Charakter: Marke Eigenbau.

Shownotes

Musik, die ich verwendet habe

Meine Musik beziehe ich von Epidemic Sound. Dort gibt es eine RIESIGE Bibliothek an fantastischer Musik und Soundeffekte für so gut wie jede Produktion. Alles, was du im Podcast hörst und nicht meine eigene Stimme ist, stammt von Epidemic Sound.
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[02:21]: Metamorphose – Taylor Crane
[04:24]: Milkshake – Jerry Lacey
[05:40]: A Cradle Song – Mary Riddle
[07:45]: A Hoax – Mary Riddle
[10:26]: Midwest Diner – Frook
[11:32]: Window Weepin’ – Lennon Hutton
[15:14]: Breaking the Safe – Christoffer Moe Ditlevsen
[19:33]: Stars Twinkle In Your Eyes – Wendy Marcini
[21:41]: True Projection – Alan Ellis

Kapitelmarken

[03:10]: Warum wir Diamanten heutzutage so wertvoll finden
[11:32]: Das Cowan-Paradoxon
[17:16]: Dein Besitz an Krams wächst immer so hoch, um deinen Stauraum auszufüllen
[19:33]: Eine Stelle aus Siddhartha zu dem Thema

Diamantentauchen in Sierra Leone: Quelle 1 und Quelle 2

Die De-Beers-Firma: Quelle 1 und Quelle 2

Über die Zeit im Haushalt mit neuen Haushaltsgeräten

Transkript

Das trübgrüne Wasser des Flusses Sewa teilt die dicht bewaldeten Ufer des südlichen Teils von Sierra Leone. Eine handvoll Männer machen sich, wie jeden Morgen, auf den Weg zu ihren rudimentären Holzbooten und beladen es mit ihrem Arbeitswerkzeug: Einen Eimer, einen Gummischlauch, und einen Luftkompressor. Sie stoßen ins ruhige Wasser. Vielleicht, so hoffen sie, ist heute der Tag, an dem sie eines der begehrtesten Luxusgüter der Ersten Welt finden: Einen Diamanten.

Damit das gelingt, haben sie auch heute Morgen ihr rituelles Gebet durchgeführt – entweder an den christlichen Gott, oder Allah. Du musst fleißig arbeiten, um einen Diamanten zu finden, so sagen sie, doch dein Gelingen wird durch eine höhere Macht entschieden. Na god, es ist Gott, der dir die Diamanten bringt, zu seiner Zeit.

Die Taucher am Sewa wissen, was sie tun – manche tauchen bereits seit 20, 30 Jahren. Mit einem Eimer in der Hand und dem Gummischlauch im Mund schwimmen sie bis zu 10 Meter an den Grund des Flusses. Ihre Kollegen an der Oberfläche lassen frische Luft mit dem Luftkompressor in den Schlauch pumpen. So kann der Taucher bis zu drei, vier Stunden ohne Unterbrechung die Erde des Flussbettes in den Eimer schaufeln, welcher dann von seinen Kollegen ins Boot gezogen wird.

Sonstige Ausrüstung für den Taucher gibt es nicht – keine Sauerstoffflaschen, keine Schwimmanzüge, noch nicht einmal Taucherbrillen. Die Augen bleiben unter Wasser komplett geschlossen, die gesamte Dauer hinweg. Der Taucher ist unter Wasser auf seinen Tastsinn angewiesen, und muss sich in seinem Kopf ein mentales Bild des Flussbetts erschaffen.

In dessen Erde mag sich der eine funkelnde Roh-Edelstein befinden, den sie suchen, um ihr Leben fortan in Wohlstand verbringen.

Die Taucher sind nur ein Bruchteil der Diamantensucher in Sierra Leone. Die meisten von ihnen graben in Minen. Das Schürfen von Edelsteinen und -metallen macht einen Großteil des Bruttoinlandsproduktes aus. Trotz des Werts dieser Luxusgüter, und obwohl Sierra Leone 2012 und 2013 eines der höchsten Wirtschaftswachstumsraten der Welt verzeichnete, herrscht in dem Land in Westafrika vernichtende Armut.
Allzu häufig versickert Geld statt in der Infrastruktur in den Zahnrädern korrupter Regierungen oder den Taschen rebellischer Warlords.

Man nennt sie Blutdiamanten – Diamanten, mit deren Erlös gewalttätige Konflikte in dem Gebiet finanziert werden. Der Begriff kam mit dem Hollywood-Drama Blood Diamond mit Leonardo DiCaprio 2006 in den öffentlichen Diskurs, und stieß eine Welle von Forderungen nach ethischem Handel von Edelsteinen an.

Warum eigentlich Diamanten?

Doch wie kommt es eigentlich, dass wir Diamanten einen dermaßen hohen Wert beirechnen? Zwar haben sie industrielle Anwendungen für Forschung und als Werkzeuge, da Diamanten das härteste Material der Welt sind. Doch alles, was sie für den Normalverbraucher tun, ist hübsch zu glitzern.

Heute haben Diamanten das Image des reinsten Statussymbol überhaupt inne. Neben der Münze ist es das Zeichen für Kostbarkeit. Wie kam es dazu?
Warum lassen wir uns Diamanten auf den Ehering setzen, statt einen Rubin, der rot leuchtet in der Farbe der Liebe? Wie kann es sein, dass der Wert von Diamanten historisch stabil geblieben ist, obwohl in den letzten Jahrzehnten riesige Diamantenvorkommen in Sibirien und Australien entdeckt wurden, und wir heutzutage sogar routinemäßig künstliche Diamanten herzustellen vermögen?

Die Antwort darauf steckt in einem Namen. Ein Name, der für ein Kartell von unfassbar raffinierten Unternehmern steht, die sich schon Ende des 19. Jahrhunderts darauf verstanden, die Kontrolle an sich zu reißen von etwas, von dem wir gar nicht wussten, das wir es wollten.

Das De-Beers-Imperium

Bis zum Jahr 1870 waren Diamanten ein knapper Rohstoff, ausschließlich gefunden in den Flussbetten Indiens und Brasiliens. Schon damals erzielten sie hohe Preise, die dadurch gerechtfertigt waren, dass pro Jahr bloß einige wenige Kilogramm des Edelsteins produziert wurden.

Als die erste Diamantenmine in der Nähe des Oranje in Südafrika gefunden wurde, drohte der Preis von Diamanten aufgrund des plötzlichen Zustroms von Rohmaterial dramatisch abzusinken, und britische Investoren sahen ihr Investment in die Mine rapide an Wert verlieren.

Eine kleine Gruppe dieser Investoren, geführt von einem Sir Ernest Oppenheimer, schmiedete einen Plan, um dieser Entwicklung gegenzusteuern. 1888 gründeten sie eine Firma namens De Beers Consolidated Mines. Das Ziel: Eine Monopolstellung auf das globale Angebot an Diamanten herstellen, um die Rarität dieser Edelsteine künstlich aufrecht zu erhalten.

Über das 20. Jahrhundert hinweg entwickelte sich De Beers zum mehr als nur dominanten Spieler im Diamanten-Business. 85% bis 90% der global gewonnenen Edelsteine wurden durch De Beers verkauft. 85-90%.
Diese historisch beispiellose Vormachtstellung erlaubte es dem Unternehmen, die Preise von Diamanten stabil zu halten, indem sie künstlich das Angebot der Nachfrage anglichen. Diese Art von Dominanz einer globalen Industrie ist bis heute einzigartig, besonders über den Zeitraum von mehr als einem Jahrhundert hinweg.

Der Würgegriff von De Beers auf die Wertschöpfungskette hatte eine außerordentliche Reichweite. Er fing an bei der Rohstoffförderung, ging zur Distribution der Rohdiamanten, zum Schliff bis zum Verkauf im Einzelhandel.

46% aller Diamantminen weltweit wurden von De Beers selbst betrieben. Die Produktion der Minen ihrer Konkurrenz kauften sie selbst auf. So behielten sie von Anfang an die Kontrolle über den Nachschub.

Die Rohdiamanten wurden dann von De Beers an von ihnen auserkorene Zwischenhändler verkauft, die sogenannten Sightholder. Ihr Name stammt daher, dass sie von De Beers zu Terminen eingeladen wurden, wo jedem der Sightholder eine Kiste voll Rohdiamanten vorgesetzt wurde, die sie sichten durften. Es waren Diamanten in unterschiedlicher Qualität – manche begehrenswerter als andere. Doch als Sightholder hattest du nicht viel Auswahl in den Diamanten, die du haben wolltest. Deine einzige Wahl war: Kauf die ganze Kiste, zu dem von uns genannten Preis, oder geh nach Hause – doch wenn du nicht kaufst, erwarte nicht, wieder eingeladen zu werden.

Doch auch mit dieser eisernen Kontrolle über das Angebot stand De Beers vor einem grundsätzlichen Problem: Bei der konstanten Produktion eines Guts, das niemals verdirbt – so wie Diamanten -, muss es eines Tages zu einem Überangebot kommen – der Tag, an dem jeder, der einen Diamanten haben will, sich bereits einen gekauft hat.

Hier demonstrierte die De-Beers-Firma ihr volles Maß an teuflischer Brillianz, nämlich im Marketing für den Endverbraucher. Sie starteten eine globale Werbekampagne, eine der ersten jemals. Sie zeichnete ein Image des Diamanten als Zeichen der Liebe; je größer und klarer der Diamant, desto größer sei die Liebe. Sie seien die einzig richtige Wahl für einen Verlobungsring. Und als Zeichen der Liebe dürften sie niemals weiterverkauft werden.

Die Taktik der Werbung beinhaltete das Platzieren von Diamanten in romantischen Filmen des frühen Hollywoods. Frauen, die mehr als 90% der Besitzer von Diamanten ausmachen, wurden darauf trainiert, die Hingabe ihres Partners auf einer Skala von Karatzahl und Brillianz zu messen.

Heute ist und bleibt der Diamant der absolute Klassiker auf Schmuckstücken aller Art. Er bildet die Spitze der Maslowschen Pyramide der Bedürfnisse. Die De-Beers-Marketingkampagne geht damit in die Lehrbücher der Wirtschaftspsychologie ein. Und die De-Beers-Firma selbst wird für immer ihre Handschrift auf unser Bedürfnis nach Luxus tragen.

Du magst dich nun vielleicht fragen: Wie kann es stimmen, was du über die De-Beers-Firma erzählst, Patrick? Kartelle und Monopole sind verboten.

Es stimmt, die Monopolstellung der De-Beers-Firma war illegal. Seit den 60er Jahren wird das Unternehmen in den USA juristisch verfolgt, weswegen es in den USA keinen Handel treiben darf – den größten Markt für ihre eigenen Endprodukte. Und auch in Europa hat sich seit dem 2000er-Jahren das Kartellamt eingeschaltet.

Das Problem bei der Verfolgung ist jedoch, dass die Diamantenindustrie, womöglich absichtlich, historisch gesehen bloß auf Handschlägen statt auf schriftlichen Verträgen basiert. Schaut man auf einen diamantenverzierten Ring beim Juwelier, ist es schwierig nachzuvollziehen, wo und unter welchen Bedingungen die funkelnde Verzierung geschürft wurde.

Die Firma De Beers gibt es noch immer, doch in den letzten zwei Jahrzehnten entglitt ihr immer mehr der Griff auf die Förderung die Diamanten. Alte Vereinbarungen, die ihnen Exklusivrechte auf Diamantvorkommen in Sibirien erlaubten, brachen mit dem Zerfall der Sovjetunion; und die bis zuletzt weltweit größte Mine in Australien ließ sich nicht auf den Vertrieb mit De Beers ein.
Somit hat das ehemalige Imperium nicht mehr so viel Einfluss wie früher, zumindest auf dem Papier. Wie es in der Realität aussieht, das ist eine Geschichte für einen anderen Podcast.

Was hat das Ganze nun mit uns zu tun?

In dieser Folge C:ME geht es darüber, wie wir lernen, etwas zu wollen, auch wenn wir es gar nicht unbedingt brauchen. Ich möchte demonstrieren, wie unser gelerntes Bedürfnis nach Dingen uns zu seltsamen Orten führt. Wie wir gar nicht mehr anzweifeln, etwas zu brauchen, bloß, weil wir es haben können.

Du magst nun denken, ich möchte dir eine Predigt darüber halten, warum wir weniger konsumieren sollten. Es ist nicht mein Ziel, eine Klagschrift gegen “unser planetenzerstörende Konsumverhalten” zu verfassen. Ich persönlich habe genug Warnungen gehört, die mich dafür sensibilisiert haben, was und wie viel ich konsumiere. Inzwischen weiß ich, warum die Weiden des Post-Konsums grüner sind, und ich glaube, du weißt das auch.

Doch zunächst, lass uns den Blick zurück ins 20. Jahrhundert setzen. Diesmal geht es nicht in die fernen Diamantminen in Westafrika, sondern zu einem sehr viel näheren Ort: Unser Zuhause.

Das Cowan-Paradoxon

Wenn sich eine Durchschnittsperson an einem Tag im Jahre 1750 schlafen legen würde und dann im Jahr 1850 aufwachen würde, würde sie vermutlich bloß eine Augenbraue hochziehen und etwas verwundert durch den Raum schauen. Allzu viel würde sich an der Art, wie wir leben und das Innere unserer Häuser aussieht, nicht geändert haben.

Würde jemand aber vom Jahr 1850 bis 1950 schlafen, würde sie ihren Augen nicht trauen. Elektrizität? Badezimmer mit fließendem Wasser? Spülmaschinen? Waschmaschinen? Kühlschränke? Fernseher? Die Art, wie wir Haushaltsführung betreiben, wurde wohl in dieser historischen Zeitspanne am schnellsten transformiert. Unsere üblichen Hausarbeiten, so lässt sich argumentieren, erledigen wir heute immer noch mit Erfindungen vom Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts. Mit dem einzigen Unterschied, dass heute unser Kühlschrank mit dem Internet verbunden ist.

Es sind Erfindungen, die unsere Haushaltsführung um ein Vielfaches erleichtert haben. Die Wäsche schmeißt man in die Maschine, die Tiefkühlmahlzeit in den Ofen, das Geschirr in den Spüler.
Die Werbeindustrie erlebte zu der Zeit einen wahren Boom, dank weit verbreitetem Radio und TV, und zeigte uns das damals stereotypische Bild der glücklichen Hausfrau mit gepunktetem Kleid, roten Wangen und Lippen, und einem strahlenden Lachen. Endlich konnte sie mit diesen brandneuen Haushaltsgeräten ganz einfach ihren Pflichten als Hausfrau nachgehen und ihren Ehemann glücklich machen.

(Ehrlich, für einen Kulturschock empfehle ich dir, dir mal die Printwerbung aus den 50ern anzuschauen. Da werden Stereotypen gezeigt, die wie Milch gealtert sind!)

Und tatsächlich, mehrere amerikanische Studien haben gezeigt, dass die Zeit, die US-Amerikaner durchschnittlich pro Woche mit Hausarbeiten verbrachten, in den ersten zwei Dritteln des 20. Jahrhunderts dramatisch sank. Einige Soziologen nahmen diese Zeitersparnis als Erklärung, warum es Frauen flächendeckend möglich wurde, in die Arbeitswelt einzusteigen, und auch als Erklärung für dem Babyboom der 50er/60er Jahre.

Das ist nichts, was uns überrascht – diese Geräte waren gerade dafür da, um uns Zeit und Mühe zu sparen. Was könnte logischer sein, als dieses Fazit?

Tja, wie sich herausstellt, lagen die Soziologen entgegen aller Erwartungen falsch. Ihre Studien hatten auf einer falschen Datenlage beruht. Die wöchentliche Haushaltsarbeitszeit des Durchschnittserwachsenen in Amerika sank nicht. Sie stieg leicht um 2 Stunden.

Was ist geschehen?

Die falschen Daten stammten aus den groben Schätzungen eines amerikanischen Ökonomen namens Stanley Lebergott. Dieser wiederum hatte seine Schätzungen auf Basis einer verkehrten Datentabelle in der Dissertation einer sozialen Aktivistin namens Charlotte Gilman angestellt – und Charlotte Gilman selbst hatte gar keine Studie durchgeführt.

Vor mehreren Jahren hat man eine neue Datenlage aufgestellt: Mithilfe von zeitgenössischen Tagebüchern von tausenden von amerikanischen Menschen ließ sich eine akkuratere Einschätzung machen, wie viel Zeit wirklich mit Haushaltsarbeiten verbracht wurden. Darin sah man dann den Effekt der höheren Arbeitszeit, trotz der besseren Haushaltsgeräte. Fortan nannte man dies das Cowan-Paradoxon.

Für mehr Details habe ich die Studie in den Shownotes verlinkt.

Wie kam es dazu?

Denken wir noch einmal an die Person zurück, die im Jahre 1850 eingeschlafen ist. Zu ihrer Zeit besaß der typische gehobene Haushalt ein Personal von drei Bediensteten, die sich um alles kümmerten. Sie hielten einen hohen Lebensstandard aufrecht – ein reinliches, gesundes Umfeld, um Kinder großzuziehen. Natürlich war dieses Privileg lediglich der wohlhabenden Oberschicht vorbehalten.

Hundert Jahre später, dank fließendem Wasser, Elektrizität und den neuen Haushaltsgeräten wurde es jedoch auch für die Mittelschicht möglich, den gleichen Lebensstandard zu erreichen – ein reinliches Zuhause, in dem Kleidung mehr als nur jeden Montag gewaschen, eine größere Palette an Nahrungsmitteln dank Kühlung aufgeboten, und am Haus leichter Reparaturen durchgeführt werden konnte.

Die Mittelschicht hatte die Wahl zwischen ihrem alten Lebensstandard und weniger Arbeitszeit, oder einem höheren Lebensstandard bei gleicher Arbeitszeit, und sie wählten Letzteres.

Warum? Einerseits wünschten die Menschen sich ein möglichst sauberes Umfeld, mit nahrhaften Mahlzeiten, von denen sie sich eine höhere Gesundheit für ihre Familie versprachen. Zudem könnte der soziale Druck hoch gewesen sein, als ansehnliche Familie einen ordentlichen Haushalt zu führen. Die Mittelschicht konnte dazu nicht nein sagen. Auch hier lernen die Menschen, etwas zu wollen, von dem sie gar nicht wussten, dass sie es brauchen.

Mich erinnert das persönlich daran, wie wir als Kinder häufig den Staub in der Vitrine wischen mussten. Und sie war immer vollgestellt mit Dekoration, dem “guten” Geschirr, das nur zu Heiligabend und Ostern verwendet wurde, und sonstigem Krams. Alles aus den Vitrinen zu räumen, rüber zu wischen und alles wieder reinzustellen, hat gefühlt ewig gedauert, jedes Mal.
Dafür habe ich aber gelernt, wie man es vermeidet, den dummen, unnützen Krams in der Vitrine sauber zu halten: Pack dir keinen dummen, unnützen Kram in die Vitrine.

Ich sehe das als eine Form des Parkinsonschen Gesetzes: Hast du ungefüllten Stauraum, erweitert sich das, was du an Zeugs so sammelst, so weit, um diesen Stauraum zu füllen. Hast du viel Platz im Keller, wirst du dort vieles lagern, was du sonst vielleicht los geworden wärst. Gleiches gilt für einen großen Kleiderschrank, oder einen leeren Terminkalender. Sie werden sich immer mit irrelevanten, unnützen Dingen füllen, wenn du es zulässt.

Genau das wurde mir klar, als ich aus meinem Studentenzimmer in Hamburg auszog. Jahrelang habe ich in dieser Schublade, dem Schrankregal, und der Unterbettschublade Zeug angesammelt, das zu schade zum Wegwerfen war, ich aber nie mehr gebrauchen würde. Das ist wirklich ein teuflischer Zustand. Ich habe einfach so viel wie möglich verschenkt und gespendet.

Und dann, letztes Jahr, kam das Schicksal für mich so, dass ich einen längeren Zeitraum nur aus einem großen 65-Liter-Rucksack lebte. Ich war mir unsicher, in welcher Stadt in Deutschland ich letztendlich bleiben wollen würde, deswegen der Rucksack – damit ich beim Weiterziehen einfach in die nächste Bahn steigen können würde, ohne irgendeine Art Umzug.
Wenn man maximal 15 Kilogramm auf seinem Rücken mitnehmen kann, schaut man mit ganz genauem Blick auf seine gesamten Habseligkeiten, überlegt sich doppelt und dreifach, welchen der acht Pullis man nun wirklich braucht, und welche man einfach nur zur Abwechslung gern mal trägt. Was muss man mitnehmen, was kann man vor Ort kaufen? Was ist einem so wichtig, dass es trotz des Gewichts mitkommt?

Es ist eine wundervolle Übung, um seine Habseligkeiten einmal radikal zu reduzieren. Und ich bin zwei Monate lang damit einwandfrei ausgekommen, bis ich in eine feste Wohnung gezogen bin. Es ist wirklich ein Gefühl der Freiheit! Man gewöhnt sich schnell daran, nicht immer alles Mögliche dabei zu haben. In Wirklichkeit haben wir bloß gelernt, all diesen Krimskrams um uns haben zu wollen, obwohl wir es gar nicht wirklich brauchen.

Siddharta und Fasten

Es gibt eine Stelle in einer indischen Dichtung, die vor fast 100 Jahren, im Jahre 1922, verfasst wurde. Sie hat mir etwas über die Abstinenz von gelerntem Konsum beigebracht. Es ist eine schöne kleine Story, die ich mit dir teilen möchte.

Ich sprache von “Siddhartha”, einem Buch von Hermann Hesse. Siddhartha ist ein indischer Bettelmönch, ein Samana, der sich auf den Weg nach Erleuchtung und Vollendung begibt.
Auf dem Weg findet sich Siddhartha in einer großen Stadt wieder, in der er sich in die Kurtisane Kamala verliebt. Um ihre Dienste bezahlen können, sucht Siddhartha beim Kaufmann Kawaswami nach Arbeit. In seinem Bewerbungsgespräch besticht Siddhartha mit einem scharfsinnigen Verstand und seiner Wortgewandtheit. Eine Stelle dieses Gesprächs fand ich besonders einprägsam, und möchte sie dir hier nun vorlesen.

Siddhartha und Kawaswami

K.: “Und was ist es nun, was du zu geben hast? Was ist es, das du ge-
lernt hast, das du kannst?“
S.: „Ich kann denken. Ich kann warten. Ich kann fasten.“
„Das ist alles?“
„Ich glaube, es ist alles!“
„Und wozu nützt es? Zum Beispiel das Fasten—wozu ist es gut?“
„Es ist sehr gut, Herr. Wenn ein Mensch nichts zu essen hat, so ist Fasten das Allerklügste, was er tun kann. Wenn, zum Beispiel, Siddhartha nicht fasten gelernt hätte, so müßte er heute noch irgendeinen Dienst annehmen, sei es bei dir oder wo immer, denn der Hunger würde ihn dazu zwingen. So aber kann Siddhartha ruhig warten, er kennt keine Ungeduld, er kennt keine Notlage, lange kann er sich vom Hunger belagern lassen und kann dazu lachen. Dazu, Herr, ist Fasten gut.“
„Du hast Recht, Samana. Warte einen Augenblick.“

Fasten als Metapher

Siddhartha formuliert es so wundervoll: Fasten, metaphorisch gesehen, bedeutet, sich mit weniger zufrieden zu geben, als man braucht – die regelmäßigen Mahlzeiten, von denen man gelernt hat, dass man sie braucht, einmal ausfallen lassen und zu merken: “Oh, ich kann auch ohne”. Es befreit einen von selbst gesetzten Grenzen, und, viel wichtiger, von selbst auferlegten Pflichten. Diese Analogie berührt mich tief, ohne, dass ich genau sagen kann, wieso.

Und weißt du, was ich glaube? Ich glaube, dass die heutige westliche Generation von unter 35-Jährigen diese Metapher auszuleben scheint. Sie weiß, zu verzichten, wenn sie es für richtig hält. Sei es beim Verzicht auf Fleisch, beim Streik fürs Klima oder auf Geld, wenn sie dafür weniger arbeiten oder an etwas arbeiten können, an das sie glauben.

Wir sind eine vernünftige Generation. Wir sind eine genügsame Generation. Wir sind eine Generation, die fasten kann.

Und das stimmt mich wirklich glücklich.


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Beitragsbild von Wolfgang Hasselmann auf Unsplash

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