Jeder weiß, wie es geht, Nein zu sagen. So ziemlich jeder weiß auch, dass er oder sie es viel häufiger machen müsste. Warum? Weil Nein sagen dir mehr Zeit, Freiheit und Selbstbewusstsein gibt. Du hast mehr Zeit für die Dinge, denen du eigentlich deine Zeit widmen willst. Und du verteidigst deine persönlichen Grenzen, womit du Rückgrat und Charakter beweist.

Höre in dieser Folge C:ME, warum und wie du Nein sagen solltest.

Shownotes

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Nützliche Links

10-Sekunden-Video “How to say no”

Podcastfolge “Psychologie der Zeit”

Musik, die ich verwendet habe

Meine Musik beziehe ich von Epidemic Sound. Dort gibt es eine RIESIGE Bibliothek an fantastischer Musik und Soundeffekte für so gut wie jede Produktion. Alles, was du im Podcast hörst und nicht meine eigene Stimme ist, stammt von Epidemic Sound.
Für eine monatliche Pauschale darf man so viele Lieder und Soundeffekte in seiner Produktion verwenden, wie man will – wie Podcasts, Videos, Hörbüchern, …

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[00:00]: A Classic Noir – Mary Riddle

[04:48]: How to Tango – Arthur Benson

[08:30]: Midwest Diner – Frook

[10:47]: Figured Out – Arthur Benson

[18:26]: The Wind is Changing – Howard Harper-Barnes

[26:49]: Stars Twinkle in Your Eyes – Wendy Marcini

Kapitelmarken

[04:48]: Wie Patrick einen Gast aus dem Podcast ausladen musste

[08:30]: Warum wir das Nein vermeiden und was wir stattdessen tun

[10:47]: Das ist der Grund, warum wir Nein sagen sollten

[17:47]: 4 Fragen, die du dir stellen solltest, wenn dich jemand um etwas bittet

[22:48]: 5 Tipps, wie man Nein sagen sollte

Transkript

Nein sagen – An sich ein so simples Konzept. Es gibt ein Video auf YouTube betitelt mit “How to say no”. Es geht nur 10 Sekunden und nimmt den Titel sehr wörtlich: Eine männliche Stimme sagt das Wort “no” drei mal hintereinander. “No. No. No.”. Eigentlich ist dieses Video dafür gemacht, die englische Aussprache des Wortes zu demonstrieren. Die Kommentare zu dem Video sind urkomisch.

Jeder weiß, wie es geht, Nein zu sagen. So ziemlich jeder weiß auch, dass er oder sie es viel häufiger machen müsste. Warum? Weil Nein sagen dir mehr Zeit, Freiheit und Selbstbewusstsein gibt. Du hast mehr Zeit für die Dinge, denen du eigentlich deine Zeit widmen willst. Und du verteidigst deine persönlichen Grenzen, womit du Rückgrat und Charakter beweist.

In dieser Folge Charakter: Marke Eigenbau wirst du hören, wann wir Nein sagen sollten, und wie wir Nein sagen sollten. Du wirst hören, wie ich in meinem Leben Nein sagen musste, wie ich darin besser geworden bin und wie du es auch werden kannst. Ich bin sicher, dass es dich weiter bringen wird.

Ein Interview absagen

Wer schon längere Zeit meinen Podcast hört, weiß, dass ich zeitweise ein Interview-Format ausprobiert habe. Der Gedanke war, Menschen zu interviewen, die selbst einen Charakter der Marke Eigenbau haben, und von ihnen dann zu lernen, wie es geht.

Am Ende lief das Format nur drei Folgen lang, bis etwa August 2021. Ich merkte, dass es einfach nicht das Richtige für mich und diesen Podcast war. Schließlich ist es so, dass man die besten kreativen Produkte produziert, indem man etwas erschafft, das man selber mögen würde, und eigentlich höre ich Interview-Podcasts nur selten. Deswegen fand sogar ich selbst diese drei Folgen mittelmäßig bis stellenweise langweilig.

Was ich lieber mag, sind TED-Talks wie Podcasts zu hören. Eigentlich sind das ja keine Podcasts, sondern Präsentationen vor einem Publikum. Klar, man sieht die gezeigten Präsentationsfolien nicht mehr, wenn man nur das Audio hört wie ich, aber die besten TED-Talks benutzen die eh kaum.

Das Verhältnis zwischen Audio und Optik in einer guten Präsentation sollte niemals so sein, dass der Hauptteil sich in den Folien abspielt, während das Gesagte nur zusätzlich zu den Folien spricht (oder noch schlimmer: von den Folien abliest). Das wäre wie ein Dokumentarfilm zu schauen, wo jeder das Video guckt und der Sprecher bloß im Hintergrund drönt.

Es sollte immer so sein, dass die allermeisten Folien bloß wie das Coverbild eines neuen Kapitels in einem Buch fungieren. Sie helfen dir, einen neuen Abschnitt in deiner Rede zu entdecken und einzuleiten. Der Inhalt sollte nicht in den Folien sein, sondern muss immer in den gesagten Worten stecken. In einer Präsentation gibt es meiner Meinung nach nichts Schlimmeres, als wenn die vortragende Person erwartet, dass man Schachtelsätze auf den Folien liest und gleichzeitig zuhört. Ich persönlich kann das überhaupt nicht.

Aber wie gesagt, in den besten TED-Talks ist das kein Problem. Sie ähneln eher einem Monolog eines Freundes, der dir von einem Thema erzählt, dass er oder sie spannend findet und in dir die gleiche Leidenschaft wecken will. Insofern kann man sie gut als Audio-Version hören.

Meine eigenen Podcastfolgen hier in Charakter: Marke Eigenbau sehe ich wie eine Art TED-Talk. Ich überlege mir gut, was ich sage, es ist geplant, und das Format soll wie ein Monolog eines Freundes sein, der dir von einem Thema erzählt, dass er spannend findet – in diesem Fall alles Mögliche mit dem Überthema “wie gehe ich meinen eigenen Lebensweg”.

Es ist aber auch insofern Podcast, dass ich gern abschweifen kann, und zum Beispiel in einer Folge darüber, wie man Nein sagt, erstmal mehrere Minuten darüber spreche, wie man eine gute Präsentation hält.

Aber jetzt weißt du, wie ich das primäre Format von Charakter: Marke Eigenbau sehe, und warum Interviews nicht das Richtige für mich waren. Das realisierte ich zum ersten Mal im September 2021.

Der nächste Podcastgast

Damals habe ich noch mit Caro zusammen gearbeitet, einer freien Journalistin, aus früheren Folgen kennt man sie noch. Ihre Aufgabe war unter anderem, potenzielle Interviewgäste rauszusuchen und anzuschreiben. Durch sie kam der Kontakt mit einem Business-Influencer zustande. Er ist ein Advokat für eine freie und flexible Karriere, die sich an dein Leben anpasst, und nicht andersherum.

Die nächste Podcast-Folge sollte ein Interview mit ihm sein. Klingt ja so, als könnte er einige gute Perspektiven auf das Thema “selbstbestimmtes Leben” bieten.

Ich bin aber immer etwas skeptisch von Coaches. Ich habe Schwierigkeiten damit, Ratschläge von Personen anzunehmen, die ich nicht tief respektiere. Ich möchte vorher sehen, dass sie selbst den Weg gegangen sind, auf den sie jetzt weisen.

Also habe ich mehr zu diesem Business-Influencer recherchiert, um zu sehen, aus welchem Holz er geschnitzt ist. Ich wollte ja nicht einfach jeden in meinem Podcast sprechen lassen. Ich habe mir eine seiner Präsentationen angeschaut, und sein eigenes Unternehmen genauer unter die Lupe genommen.

Was ich sah, war ein untalentierter Redner mit schwammigen, inhaltslosen Ideen, und einen durchwachsenen Geschäftsführer. Ohne es zu genau beschreiben zu wollen, sein eigenes Unternehmen ist ein Verlag für Ramschware, die man an der typischen Autobahnraststelle finden würde. Ich bin sicher, er ist privat ein korrekter Typ, aber das ist mit Sicherheit kein Lebenswerk, das ich für erstrebenswert halte, also warum sollte ich ihn als Coach in meinem Podcast interviewen?

So stand ich also da, und wusste: Ich musste Nein sagen.

Eine schwierige Situation

Die nächste Podcastfolge stand in knapp zwei Wochen an, und wenn ich nun diesem Typen absagen würde, müsste ich schnell Ersatz finden, was ziemlich stressig wäre. Was, wenn ich von der nächsten Person ebenfalls nicht überzeugt wäre? Wäre es nicht einfacher, das Interview jetzt durchzuziehen und dann für die Zukunft stärker darauf zu achten, wer eingeladen wird? Möchte ich dem Typen wirklich so vor den Kopf stoßen?

Ich hatte keinen Plan B, aber ich entschied mich dann, auf meinen Prinzipien zu beharren. Nervös griff ich zum Telefon und rief den Mann an. Ich kann es nicht leiden, mit Menschen zu telefonieren, mit denen ich noch nie vorher gesprochen habe. Was sollte ich ihm sagen? Ist die Wahrheit nicht zu knallhart? Wie soll ich Nein sagen?

Am Ende sagte ich ihm das, was ich dir über mein Format gesagt habe: Dass das Interview-Format nicht das Richtige für den Podcast ist. Dass ich unser Gespräch absagen müsse, und mich für die Umstände entschuldige.

Seine Reaktion war überraschend für mich: Er war außerordentlich freundlich und verständnisvoll. Es hätte auch definitiv anders sein können – schließlich waren wir diejenigen, die ihn um ein Interview gebeten hatten. Es lief also so gut, wie man sich das nur wünschen kann. Deswegen bin ich mir auch sicher, dass der Typ ein wirklich Netter ist.

Das Interview-Format habe ich ab dem Zeitpunkt tatsächlich an den Nagel gehängt. Die Podcastfolge, die stattdessen entstand, war dann “Psychologie der Zeit”. Sie hatte dann das Format, das ich mir gewünscht hatte, und bis heute beibehalten habe.

Warum wir nicht nein sagen

Es begann mit einem Nein – an der Oberfläche war es ein Nein zu einem Gast, viel wichtiger aber war es ein Nein zur Richtung, die mein Podcast eingeschlagen hatte.

Nein ist ein mächtiges Wort, aber es gibt viele psychologische Gründe, die uns abhalten, es zu benutzen.

  • Wir sind konfliktscheu und wollen niemanden vor den Kopf stoßen, vielleicht weil jemand sich in der Vergangenheit schon einmal darüber geärgert hat, dass wir Nein gesagt haben.
  • Wir fühlen uns schuldig, wenn wir jemandem nicht helfen.
  • Wir wollen anderen gefallen und wir denken, dass sie uns mehr mögen, wenn wir Ja sagen.
  • Oder wir denken tatsächlich, dass wir zeitlich und energietechnisch alles unter einen Hut bekommen.

Das ist gefährlich, und vermutlich weißt du das auch. Wenn du Ja zu den falschen Dingen sagst, dann wird dich das zu mehr Stress führen, du tust Dinge, die du bereust und am Ende hilfst du beim Kuchenverkauf für irgendeine Hundeshow, die dich nicht interessiert, und grollst dann der Person, die dich gefragt hat und dich in die Situation gebracht hat, dass du nicht Nein sagen konntest.

Was wir tun, anstatt Nein zu sagen

Also entwickeln wir alle möglichen Tricks, um Nein zu sagen, ohne Nein zu sagen.

Wir sind zu höflich und benutzen alle möglichen verbalen Tricks, um bloß nicht der anderen Person auf die Füße zu treten. Gern schwächt man das Nein ab, indem man Sachen sagt wie “leider passt es mir jetzt gerade nicht”, oder “ich würde ja gern, kann aber aus diesem oder jenem Grund nicht”.

Das ist in Ordnung, wenn es der Wahrheit entspricht, dass du wirklich nur aus diesem Grund absagst. Wenn es aber eine Notlüge ist, dann wirst du weiter lügen müssen, wenn die Person antwortet: “Oh, wenn du diese Woche keine Zeit hast, wie wäre es dann mit nächster Woche?”. Und dann entsteht daraus eine ausschweifende Diskussion, und das führt bloß zu Kopfschmerzen – ganz davon abgesehen, dass Lügen allgemein nichts Erstrebenswertes ist.

Im letzten Teil dieser Folge werde ich über das “wie” sprechen. Wie sagt man am besten Nein auf eine Art und Weise, die im Interesse aller Parteien ist?

Jetzt möchte ich zunächst auf den Punkt bringen, warum es so wichtig ist, Nein zu sagen.

Warum es wichtig ist, Nein zu sagen: Opportunity Cost

Du hast wahrscheinlich schon mal von dem Begriff opportunity cost gehört. Leider gibt es dazu kein elegantes deutsches Wort. Nur für den Fall, dass du es nicht weißt, gebe ich dir ein Beispiel. Ein simples Gedankenexperiment:

Vor dir stehen zwei Stühle. Wenn du dich auf Stuhl A setzt, bekommst du 5€ von mir. Wenn du dich auf Stuhl B setzt, musst du mir 10€ bezahlen. Du kannst dich nur auf einen Stuhl setzen.

Wenn du dich jetzt dafür entscheidest, dich auf Stuhl B zu setzen, und ich dich dann fragen würde: “Was kostet dich das?”, dann könntest du sagen: “Naja, ich muss dir 10€ bezahlen, mich auf den Stuhl zu setzen, als sind meine Kosten 10€”. Das vernachlässigt aber die Tatsache, dass du die Chance verpasst hast, 5€ zu bekommen, indem du dich auf Stuhl A setzt – deswegen hast du eine zusätzliche opportunity cost von 5€. Diese 5€ sind dir durch die Lappen gegangen.

Lapidar gesagt bedeutet opportunity cost: Was geht mir durch die Lappen, weil ich etwas anderes stattdessen gemacht habe?

Vielleicht siehst du jetzt den Zusammenhang mit dem Nein-sagen-Thema, und wenn du eine Sache aus dieser Podcastfolge mitnimmst, dann lass es die folgenden zwei Sätze sein: Immer, wenn du zu etwas Ja sagst, gibt es eine opportunity cost. Immer, wenn du zu etwas Ja sagst, sagst du automatisch zu allem anderen Nein, was du stattdessen hättest tun können.

Das ist in Ordnung, wenn die Sache, zu der du Ja sagst, wirklich die ist, die du wirklich wirklich tun möchtest. Dann ist es in Ordnung, alles andere abzulehnen. Es wird aber dann bitter, wenn du bloß aus Höflichkeit oder Konfliktscheuheit etwas zusagst. Irgendwas, was du eigentlich nicht machen willst, wo du mehrere bessere Optionen hättest – und eine dieser Optionen kann auch Zeit für Entspannung und Nichts-tun sein – dann ist die opportunity cost riesig.

Nein sagen bedeutet mehr Zeit

Bei diesen Kosten muss es auch gar nicht um Geld gehen, wie in meinem Gedankenspiel mit den zwei Stühlen. Viel wichtiger als Geld, viel begrenzter im Leben als Geld ist was?

Zeit. Zeit ist die wichtigste Ressource, die du hast. Immer, wenn du nein sagst, verteidigst du einen Teil deiner Zeit. Nein ist wie ein Schild, den du hochhältst, wenn jemand hervorpreschen möchte und dir einen Teil deiner Zeit stehlen möchte.

Es wirkt verrückt auf mich, wie viele Leute bereit sind, den dümmsten Sachen zuzusagen, ihre Zeit zu verschwenden, nur für den Hauch einer Kompensation.

Ein Beispiel war in meinem Quidditchteam, als ich damals in Hamburg Quidditch gespielt habe. Ja, den Sport gibt es wirklich, und es ist eine Randsportart. Deswegen ist es nicht sehr leicht, dafür Sponsoring zu bekommen. Knapp bei Kasse waren wir zu meiner Zeit dort nie, deswegen brauchten wir es auch nicht dringend, aber trotzdem wurden die Augen groß bei uns, als eine Bänkerin uns 1500€ in Sponsoring-Geld anbot.

Sie meinte, sie fände unseren Sport ganz toll, und würde uns gern mit dem Geld unterstützen, unter einer Voraussetzung: Alle bestehenden und zukünftigen Mitglieder müssten zu einem dreißigminütigen Beratungsgespräch über Finanz- und Vermögensberatung erscheinen. Das ginge das auch nicht als Gruppe, sondern jeder müsste einzeln erscheinen, “aus Datenschutzgründen”.

Es ging natürlich überhaupt nicht darum, dass irgendwer etwas unterschreibt, sondern es wäre bloß ein Aufklärungsgespräch, weil ja viele Leute die falschen Vorstellungen darüber hätten, was Finanzberatung genau bedeutet.

Offensichtlich war das vollkommener Blödsinn. Wir waren eine Gruppe junger Studenten in unserem Quidditchteam, und ihr war der Sport vollkommen egal – natürlich wollte sie uns als später gut verdienende Kunden gewinnen. Und das auf perfide Art und Weise – warum nicht die Wahrheit sagen? Und dann wundern sich Leute, warum niemand den Banken vertraut. Besonders nach der Finanzkrise.

Für mich war also glasklar, dass wir direkt ablehnen würden. Und ich habe dann im Gruppenchat ironische Witze darüber gerissen, in dem Gedanken, dass es dazu ja sowieso nur eine Meinung geben könne. Das ist doch eindeutig eine Masche, das muss doch jeder so sehen?!

Junge Junge, lag ich falsch. Die ersten zwei anderen Personen, die sich zu dem Thema äußerten, meinten: “Ach, die dreißig Minuten absitzen, das finde ich nicht so schlimm. Man muss ja nur körperlich anwesend sein und nicht zuhören”, oder auch “Naja, die Finanzberater kennen ja ganz gute Tricks, was man mit seinem Geld anstellen soll, das fänd ich schon interessant zu hören”

Wirklich? Du möchtest Finanztipps von einer Person, die dich belogen und ausgetrickst hat, um sich überhaupt mit dir zu treffen? Der Person vertraust du mit deinen Geldentscheidungen? Ich war sprachlos.

Aber auch die erste Aussage – “ich würde hingehen, ohne zuzuhören” – ich konnte nicht fassen, dass es Leute gibt, die ihre eigene Zeit so wenig wertschätzen. Sagen wir, bestehende plus zukünftige Mitglieder des Vereins betragen 100 Leute, jeder soll zu einem Dreißig-Minuten-Finanzgespräch gehen, und im Gegenzug bekommt der Verein 1500€. Das heißt, jedes Finanzgespräch trägt 15€ bei. Du findest wirklich, es ist deine Zeit wert, dich für dreißig Minuten in einen Raum von einer Finanzberatungstante berieseln und bequatschen zu lassen, für 15€, die dein Sportverein dann bekommt? Wirklich?

Deine Zeit ist so viel mehr wert als das. Sag nein! Und zu meiner unendlichen Erleichterung war die Skepsis im Team insgesamt auch sehr groß. Wir haben wir dann der Frau von der Finanzberatung abgelehnt.

Ich persönlich bin von meiner Gesinnung her Kapitalist durch und durch, und trotzdem habe ich Null-Komma-Null Vertrauen in Banken. Wie kann es auch anders sein, wenn man mit der Finanzkrise aufgewachsen ist? Das aber nur so am Rande.

Wann du nein sagen solltest

Ich habe dir nun also in dieser Folge gezeigt, warum man zu Dingen Nein sagen sollte, wenn man sie nicht tun will. Die Antwort lautet: opportunity cost. Immer, wenn du Ja sagst, sagst du Nein zu allen anderen Dingen. Meistens kostet es dich Zeit.

Hier sind noch ein paar weitere Fragen, die du dir stellen solltest, wenn dich jemand um etwas bittet.

  • Hilft es meinen Zielen, wenn ich Ja sage?
  • Stimmt das, worum gebeten wird, mit meinen persönlichen Werten überein?
  • Mache ich mir mehr Stress, wenn ich Ja sage?
  • Wird es meiner psychischen Gesundheit helfen oder schaden, wenn ich Ja sage?

Wenn du Zeit oder Energie verlierst für die Ziele, die du eigentlich verfolgen willst, dann ist ein Nein wahrscheinlich die beste Wahl.

Nein sagen ist eine Waffe deines psychischen Immunsystems

Nein sagen zu können, ist wie ein starkes psychisches Immunsystem zu haben. Es bedeutet, Grenzen ziehen und durchsetzen zu können. Du lässt dich nicht ausnutzen, und du sagst Nein zu Dingen, von denen du nicht überzeugt bist.

Ich persönlich bin inzwischen sehr zufrieden mit meiner Fähigkeit, Nein zu sagen, aber das war nicht immer so.

Als ich noch zur Schule ging, hatte ich Lateinunterricht. Ich muss sagen, dass mir das Fach irgendwie gefiel, weil es viel Laberei war und Texte übersetzen ein bisschen wie puzzeln ist. Und wie oft, wenn einem ein Schulfach Spaß macht, war ich auch ganz gut darin. Das bekamen andere in meiner Lateinklasse dann natürlich auch mit.

Und so kam es dann, dass einer meiner Mitschüler direkt vor einer Lateinklassenarbeit zu mir kam. Wir hatten sonst nicht wirklich was miteinander zu tun, aber er sprach mich an und bat mich, mein Heft mit der fertigen Übersetzung während der Klassenarbeit nach ganz links an meinen Tischrand zu schieben, damit er abschreiben können würde. Für die, die es nicht wissen – in einer Lateinarbeit muss man hauptsächlich immer einen Text von Latein auf Deutsch übersetzen, die “Übersetzung” war also die Lösung der Klassenarbeit, die er abschreiben wollte.

Als er mich fragte, hatte ich keinen wirklichen Grund Ja zu sagen. Aber ich stimmte zu, vermutlich einfach, um nicht als der Arsch da zu stehen. Sprich, um zu gefallen. Immerhin war er auch ein ganz netter Typ.

In der Klassenarbeit lief es dann so, dass er hinter mir saß, und nach etwa der Hälfte der Zeit fühlte ich dann, dass der Stuhl unter mir zu wackeln begann. Mein Mitschüler schob nämlich mit seinem Fuß von hinten daran, damit ich meine Übersetzung an den Rand des Tisches schieben würde. Das hat mich gestört, aber das habe ich dann getan, und dann ließ er mich auch in Ruhe.

Zwei Monate später kam die nächste Klassenarbeit. Diesmal kam mein Mitschüler nicht vorher auf mich zu. Während der Arbeit merkte ich dann aber, dass mein Stuhl wieder zu wackeln begann. Wieder saß er hinter mir, und wollte, dass ich meine Übersetzung nach links schiebe. Das hat mich diesmal wirklich gestört, deswegen habe ich nicht reagiert. Nach ein paar Minuten wurde das Wackeln stärker und stärker. Ich reagierte nicht. Bis er dann regelrecht anfing, meinen Stuhl zu treten. Und das hielt mich wirklich vom Arbeiten ab.

Was ist die richtige Reaktion darauf? Weiter ignorieren? Dem Lehrer melden? Oder ihn abschreiben lassen? Was hättest du in dem Moment getan?

Was ich damals tat, ist ihn dann abschreiben zu lassen. Ich schätze, einerseits wollte ich keine Petze sein, und wollte den Konflikt meiden. Was ich aber beschloss, war, dass das nicht wieder geschehen würde.

Vor der nächsten Klassenarbeit sprach ich mit ihm. Ich war aufgeregt, und deswegen handhabte ich das Gespräch wirklich nicht gut – ich weiß noch, wie ich aus Nervosität grinsen musste, und das ließ es wahrscheinlich so aussehen, als würde ich es genießen, ihm den Tag zu versauen. Und ich ließ mich auf eine lange Diskussion ein, “warum denn nicht”, oder “nur noch diese eine Klassenarbeit”, und das war nicht schlau. Aber, was zählt, war, dass ich’s sagte. “Nein”.

Wie gesagt, er war ein netter Typ, deswegen war er auch nicht wütend, jedenfalls nicht sichtbar. Und ich hatte in dieser Klassenarbeit und allen weiteren keine Probleme mehr. Trotzdem hinterließ die Erfahrung einen etwas bitteren Beigeschmack, was ich auf die Art und Weise zurückführe, wie ich Nein gesagt habe.

Was ist die richtige Art, Nein zu sagen? Wie können wir Dinge ablehnen, ohne Brücken zu verbrennen? Wie können wir uns nicht schuldig oder unfreundlich dabei fühlen?

Zum Abschluss dieser Folge möchte ich dir einige Methoden auf den Weg geben, die mir helfen, das Nein sagen so unkompliziert und schmerzlos wie möglich zu machen.

Wie man Nein sagt

1. Gib ein entschiedenes Nein

Wenn du Nein meinst, dann sage es auch. Druckse nicht herum mit Aussagen wie “ich glaube, ich werde das zeitlich eher nicht einrichten können”. Der Satz klingt nämlich wie ein “vielleicht, wenn ich doch Zeit habe”. Wenn das nicht das ist, was du meinst, dann sag es nicht. Sonst gibt es nur Missverständnisse und am Ende mehr Enttäuschung, wenn damit doch “Nein” gemeint war.

2. Drücke keine ungerechtfertigten Schuldgefühle aus

Es ist okay zu sagen, “es tut mir Leid, aber-“. Das ist in Ordnung. Aber du brauchst keine Schuldgefühle haben, wenn du eine Anfrage ablehnst, wenn es deinen Zielen, deinem Stresslevel oder deiner psychischen Gesundheit schaden würde. Dementsprechend brauchst du dich auch nicht gezwungen fühlen, dich zu rechtfertigen. Das ist auch der nächste Tipp:

3. Sei kurz, aber nicht kurz angebunden

Was meine ich damit? Dein Ablehnen sollte nicht mehr als ein paar wenige Sätze lang sein, aber auch nicht unfreundlich kurz angebunden wie ein einfaches: “Nö”. Das ist nicht nett, und dein Gegenüber verdient schon etwas mehr Respekt als das. Es reicht, wenn du zum Beispiel sagst: “Tut mir Leid, aber ich muss Nein sagen. Ich habe schon einer anderen Sache zugesagt”.

4. Wiederhole zur Not dein Nein und lass dich nicht auf große Diskussionen ein

Wenn dich jemand weiter pusht, nachdem du schon abgelehnt hast, dann musst du dich nicht darauf einlassen, deine Begründung weiter zu rechtfertigen. Das endet in einer lästigen Diskussion, die im besten Fall zu keiner Veränderung führt, im schlechtesten Fall dazu, dass du doch überredet wirst. Um das zu verhindern, wiederholst du am Besten das, was du vorher gesagt hast. Hab keine Sorge, dass das unhöflich sein könnte – die andere Person ist in dem Moment unhöflich, weil sie dich weiter anhaut, nachdem du schon abgelehnt hast.

5. Zeig deine Grenzen und sonstige Hilfsbereitschaft auf

Wenn du etwas aus einem bestimmten Grund ablehnst, der nichts mit der Person zu tun hat, dann kannst du auch eine Aussage treffen wie “das hier mache ich nicht, aber bei diesen anderen Dingen würde ich dir gern helfen”.

Erst vor einigen Tagen hat mich eine gute Bekannte aus der Factory darum gebeten, dass ich mir ein Designkonzept anschaue für die Firma, für die sie arbeitet, und dafür Feedback gebe. Dieser guten Bekannten habe ich in der Vergangenheit bei ihrem privaten Projekt gern geholfen, deswegen fragte sie mich diesmal wieder.

Jetzt war es aber etwas ganz anderes. Die Firma, für die sie arbeitet, ist eine mit mir konkurrierende Firma, die in London ansässig ist. Und noch dazu ist Konkurrenz, die gerade am untergehen ist. Es wäre unheimlich dämlich für mich, meine Zeit dafür aufzuwenden, ihnen zu helfen, indem ich deren Designkonzepte anschaue.

Meiner Bekannten habe ich also geantwortet, dass ich ihr gern bei ihrem persönlichen Projekt helfe, aber nicht bei ihrer Arbeit für die Firma, für die sie arbeitet. So habe ich also meine Grenze aufgezeigt, gleichzeitig aber auch meine sonstige Hilfsbereitschaft.

Und daraufhin war es auch geklärt. Sie dankte mir für die Ehrlichkeit, und entschuldigte sich sogar bei mir, dass sie den Interessenskonflikt hätte bedenken sollen.

Warum Nein sagen sich sogar befriedigend anfühlen kann

Das waren 5 Tipps, wie du besser Nein sagen kannst. Mir haben sie geholfen, unmissverständlich, aber auch nicht unfreundlich abzulehnen.

Ich muss zugeben, dass ich sogar eine gewisse Befriedigung daraus ziehe, Nein zu sagen.

Für mich ist es wie in der Software-Entwicklung, wenn man Code löscht. Das ist etwas, was vielleicht nur andere Software-Entwickler und -Entwicklerinnen verstehen werden, aber Code zu löschen ist unheimlich befriedigend. Es bedeutet nämlich immer, dass du etwas anderes gebaut hast, was den alten Code unnötig macht und auch zu funktionieren scheint.

Nein sagen fühlt sich für mich genauso an. Du blockst etwas ab, was sonst deinen Zeitplan zumüllen würde. Vielleicht gibt es eine Handvoll unter meinen Zuhörerinnen und Zuhörer, die mich verstehen.

Wie dem auch sei – vergiss nicht: Tu dir selbst einen Gefallen, respektiere deine eigene Zeit und sage öfter Nein. Wenn du Ja sagst, sagst du Nein zu allem anderen, was du sonst hättest tun können. Und wenn du Zeit oder Energie verlierst für die Ziele, die du eigentlich verfolgen willst, dann ist ein Nein wahrscheinlich die beste Wahl.

Der Flotte-Fünf-Newsletter

Das ist das Ende der heutigen Folge Charakter: Marke Eigenbau. Wenn du mehr von mir hören willst, dann melde dich an für den Flotte-Fünf-Mittwoch, bei dem ich wöchentlich 2 Gedanken von mir, 2 Lindy-Zitate und einen Gedankenanstoß sende. Extra dafür gemacht, dass du auf neue Gedanken und Ideen kommst, die dir auf deinem Weg zum Charakter: Marke Eigenbau helfen.

Danke dir für’s Zuhören. Hab eine schöne Restwoche und bis bald.


Beitragsbild von Dim Hou auf Unsplash

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