Warum du süchtig nach Netflix bist und was du dagegen tun kannst

Netflix hat 222 Millionen Abonnenten, und jeder von ihnen streamt durchschnittlich 3,2 Stunden pro Tag Videos über die Plattform. Was macht Netflix so unwiderstehlich? Warum verbringen wir so viel Zeit damit? Und welche Dinge musste Patrick eiskalt hinter sich lassen, weil sie ihn dermaßen im Griff hatten?

Shownotes

Mehr zum Thema Reibung in der C:ME-Folge “Lindy-Effekt: Welche Medien wir mehr konsumieren sollten”

Leechblock-Firefox-Add-On, um bestimmte Webseiten zu blocken

Musik, die ich verwendet habe

Meine Musik beziehe ich von Epidemic Sound. Dort gibt es eine RIESIGE Bibliothek an fantastischer Musik und Soundeffekte für so gut wie jede Produktion. Alles, was du im Podcast hörst und nicht meine eigene Stimme ist, stammt von Epidemic Sound.
Für eine monatliche Pauschale darf man so viele Lieder und Soundeffekte in seiner Produktion verwenden, wie man will – wie Podcasts, Videos, Hörbüchern, …

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[00:00]: Rainbow inside a Cloud – Sarah, the Illstrumentalist
[03:36]: Midwest Diner – Frook
[07:58]: Art Culinaire – Arthur Benson
[15:38]: Organized Chaos – Arthur Benson
[21:25]: Midnight Vibe – Yomoti

Kapitelmarken

[00:00]: Annika, die Jurastudentin, die gern Netflix schaut
[03:33]: Drei Gründe, warum Netflix süchtig macht
[07:58]: Die seltsamen Dinge, nach denen ich süchtig wurde
[15:38]: Strategien, um von süchtig machenden Dingen los zu kommen

Die Website des Podcasts

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Transkript

Annika, die Jura-Studentin

Annika legt den Stift auf ihrem College-Block ab. Es ist zwanzig vor Neun. Sie hatte sich zwar vorgenommen, bis 9 zu lernen, weil bald ihr erstes Staatsexamen ansteht, aber ihr Gehirn ist schon vollkommen durch. Und dann bringt es ja nichts, weiter zu machen, oder?

Sie geht in die Küche, bereitet ihr Abendbrot vor, und legt sich dann auf ihr Bett, Teller auf dem Bauch, Laptop auf dem Schoß. Sie startet die nächste Folge ihrer Comfort-Show auf Netflix, eine Comedyserie. Und sofort entspannt Annika sich. Sie fühlt eine beruhigende Immersion, ihr Verstand kann runterfahren. Wie immer fühlt sie sich wohl aufgehoben. Die Serie bringt sie zum Lachen, zum Mitfühlen, zur Aufregung. Ab und zu schaut Annika auf ihr Handy, oder holt sich einen Nachtisch aus der Küche, aber sonst schenkt sie der Serie ihre Aufmerksamkeit.

Als die erste Folge vorbei ist, und der Abspann spielt, ist Annikas Immersion leicht gebrochen, und sie fühlt den Hauch eines Stiches der Enttäuschung. Aber dann beginnt der Countdown bereits, die nächste Folge runterzuzählen, und die Intromusik fängt wieder an zu spielen.

Viermal geht es so weiter, dann ist es schon 23:18 Uhr. Schon nach der Zeit, zu der Annika gern einschlafen würde, aber so ist das halt. Das ist nichts Ungewöhnliches.

Netflix ist Annikas typisches Abendritual, wie für so viele von Netflix’ 222 Millionen Abonnenten. In dieser Beispielgeschichte hat Annika etwa zweieinhalb Stunden geschaut, und ist damit sogar noch unterdurchschnittlich unterwegs. Im Durchschnitt schauen Netflix-Nutzer 3 Stunden und 12 Minuten lang Videos pro Tag. Vor der Pandemie lag die Zahl bei etwa 2 Stunden pro Tag.

Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber für mich ist diese Zahl sehr viel höher als erwartet.

Möchte ich also in dieser Folge dich dafür anprangern, dass du so viel deiner Zeit mit Netflix verbringst? Nein. Ich spreche in dieser Folge Charakter: Marke Eigenbau darüber, was Netflix überhaupt so süchtig macht, welche seltsamen Dinge mich persönlich süchtig machen und was wir dagegen tun könnten, wenn wir wollten.

Weltflucht

Kennst du das Wort “Weltflucht”? Es bezeichnet die Tendenz, die Realität zu meiden und sich in eine andere zurückzuziehen, sei es in ein asketisches Leben in der Natur oder die Flucht in eine Fantasiewelt. Das kann auch eine Welt wie die von Harry Potter oder Herr der Ringe sein. Im Englischen nennt man es “Escapism”.

Netflix ist eine hervorragende Weltflucht-Maschine. Es serviert uns fesselnde Filme und Serien zu jedem möglichen Genre, mit unseren Lieblingsschauspielern zu genau dem Zeitpunkt, den wir uns wünschen. Wir benutzen es als eine Möglichkeit, vom Alltag runterzufahren, genauso, wie vor einigen Jahren in erster Linie der Fernseher mit Kabelfernsehen dafür verwendet wurde. Nach einem langen Tag wird irgendein vorgeschlagener Film auf Netflix eingeschaltet. Deswegen ist die Prime Time für Netflix auch um 21 Uhr an Tagen unter der Woche.

Drei Gründe, warum Netflix süchtig macht

Es gibt drei Gründe, warum man von einer Sucht nach Netflix reden kann.

1. Der Algorithmus

Jeder weiß, dass Netflix einen ausgeklügelten Algorithmus zum Vorschlagen der besten Serien und Filme für dich verwendet. Der Algorithmus basiert auf künstlicher Intelligenz, die daraus lernt, was du schaust, wann du es schaust, was du suchst, aus allem eben, was du mit der App tust. Natürlich ist es immer ein Hauch unangenehm, zu wissen, dass man stark getrackt wird, aber in Netflix’ Fall geht das in Ordnung, finde ich. Netflix hat den Anreiz, deine Daten intern dafür zu verwenden, dir die Filme und Serien vorzuschlagen, die du gern schauen möchtest. Facebook, zum Beispiel, hat den Anreiz, deine Daten dafür zu verwenden, sie möglichst umfangreich an Dritte zu verkaufen und dir Inhalte zu zeigen, die dich wütend machen. Das ist nachgewiesenermaßen die beste Art für soziale Medien, dass du dich möglichst lang damit beschäftigst. Der Anreiz ist also ganz falsch, und Anreize sind alles.

2. Die Reibungslosigkeit

Streaming ist für uns Menschen so befriedigend. Wir bekommen genau das, was wir wollen, zu dem Zeitpunkt, den wir uns wünschen. Kein lästiges Warten mehr auf die nächste Folge, wie es zum Beispiel im Kabelfernsehen gemacht wird, mit einer Woche Abstand immer.

Es ist wie wenn Ratten in einem Käfig auf einen Knopf drücken können und sofort Futter bekommen, ohne Warten zu müssen. Sofortige Befriedigung.

3. Das Storytelling

Was hauptsächlich süchtig macht, ist das Storytelling. Das Storytelling der Filme und Serien, die man schaut. Und das ist auch nichts besonders Neues. Ich habe schon so manches Mal darüber gesprochen, wie empfänglich unser Gehirn für Geschichten ist. Sie stimulieren viele Regionen unseres Gehirns gleichzeitig, und es wird ein Cocktail der Hormone ausgeschüttet, während wir zuhören, zuschauen, mitlesen:

  • Cortison, das unsere Aufmerksamkeit erhöht, wenn es spannend wird.
  • Oxytocin, welches mit Empathie und sozialem Verhalten verbunden wird und ausgeschüttet wird, wenn wir mit den Charakteren mitfühlen
  • Zuletzt noch das wohl wichtigste Hormon, Dopamin. Es ist unser Glückshormon, und wird andauernd und stetig ausgeschüttet, während die Geschichte sich entfaltet.

Die Art von Serien und Filmen, die bei Netflix gezeigt haben, weisen natürlich kein neuartiges Storytelling auf, das jetzt zu diesem Hormoncocktail führen würde, sondern das spüren wir schon seit jeher, bei guten DVDs, Romanen oder Hörbüchern. Wir lieben Storys. Haben wir schon immer. Ich auch, vielleicht sogar zu sehr.

Netflix-Sucht und ich

Weißt du, dass ich hier über Netflix-Sucht rede, heißt ganz und gar nicht, dass ich da drüber stehe. Ganz und gar nicht, ich bin jemand, der sogar ziemlich anfällig für Sucht ist, leider.

Auch ich werde von manchen Netflixserien so geangelt, dass ich gar nichts anderes mehr machen möchte an einem Tag, als die gesamte Staffel durchzubingen. Das ziehe ich dann auch durch, weil, so verrückt es klingt, “ich es hinter mir haben möchte”. Das passiert vielleicht einmal im Monat, würde ich sagen. Vielleicht auch zwei. Es könnte also sehr viel schlimmer sein mit meiner Sucht, und dass dem nicht so ist, schreibe ich einigen Tricks zu, mit denen ich gelernt habe, Netflix’ Einfluss auf mein Leben einzuschränken.

Was diese Tricks sind, erzähle ich dir gleich. Lass mich dir vorher noch von einigen weiteren Dingen erzählen, die mich unfassbar süchtig gemacht haben. So süchtig, dass sie echt meine gesamten Tage vereinnahmt haben, so, dass ich wirklich nicht arbeiten konnte oder so, weil mein Kopf einfach konstant bei dieser einen Sache hing. Und ich erzähle dir auch von dem einzigen Gegenmittel, was wirklich nachhaltig half.

Die seltsamen Dinge, nach denen ich süchtig wurde

Zauberenthüllungsvideos auf YouTube

Ja… das ist vielleicht ein bisschen schwer zu erklären. Es gibt da so eine US-amerikanische Serie namens “Fool Us”. Die Show wird geleitet von zwei bekannten Magiern, Penn und Teller, die in ihrer langen Zaubererkarriere so ziemlich jeden Trick im Buch gesehen haben und nun andere Zauberer aus der ganzen Welt herausfordern, ihnen einen Trick vorzuführen, den sie nicht entziffern können. Wo Penn und Teller also danach nicht wissen, wie der Trick gemacht wird. Deswegen der Name “Fool Us”, “Täusch uns”.

Weil die Zaubereibranche, genauso wie Juristen oder Mediziner, ihre eigene Fachbegriffe hat, und Außenstehende oft keine Ahnung haben, wovon gesprochen wird, können Penn und Teller vor dem gesamten Publikum in einer Art Codesprache dem vorführenden Magier erklären, wie sie denken, wie der Trick gemacht wird, ohne, dass es irgendwer aus dem Publikum versteht. So verlangt es eben der Magiercodex. Die Tricks werden nicht enthüllt.

Tja. Ich bin auf jeden Fall nicht der Einzige, der die Magieshows zwar interessant findet, aber auch unbedingt wissen will, wie diese Tricks funktionieren. Und der Retter in der Not war damals, in meiner Kindheit, der maskierte Magier, der auf SuperRTL abends in dieser TV-Show gezeigt hat, wie bekannte Magietricks funktionieren. Ach, ich liebte diese Serie. Aber bei Fool Us werden halt keine bekannten Tricks aufgeführt, sondern die Zauberer dort geben sich Mühe, Penn und Teller mit selbstausgedachten Vorführungen ein Schnippchen zu schlagen.

Die Aufführungen bei Fool Us habe ich mir immer über YouTube angeschaut. Der Algorithmus wusste schon bald Bescheid, und zeigte mir so gut wie nur noch Fool-Us-Videos, und irgendwann dann auch Videos von einem kleineren Kanal, der wie die Wiedergeburt des maskierten Magiers war: Ein Kanal, der die populärsten Tricks auf Fool-Us Schritt für Schritt enthüllt und erklärt. Auf seinem Kanalprofilbild trägt der Typ übrigens auch eine schwarze Maske.

Das Format dieser Videos ist immer gleich: Eine von diesen computergenerierten männlichen Stimmen liest das Skript vor, und es gibt immer dieselben zwei Lieder, mit denen die Stimme unterlegt wird. Immer. Die gleichen. Lieder. Ich hab dieses eine Lied immer noch im Kopf. Du-du-du-du-DU-DU-DU-DU…
Es ist hypnotisierend, und es macht einfach süchtig. Das kommentieren auch andere Zuschauer unter den Videos. Die finden auch, dass die Videos seltsam Sucht erregend sind.
Ich weiß beim besten Willen nicht, was es ist, aber ich konnte nicht aufhören, diese Videos zu schauen!! Jedes Mal, wenn ich die YouTube-Startseite geöffnet habe, konnte ich nicht anders, als auf diese Videos zu klicken, und dann wieder du-du-du-du-DUDUDUDUDU… Auch mitten am Tag, als ich eigentlich arbeiten wollte, und dann auf YouTube mir Hintergrundmusik zum Konzentrieren an machen wollte, wurden mir auf der Startseite wieder diese Videos vorgeschlagen, und dann…Argh.

Zwei ganze Arbeitstage habe ich dann verschwendet, weil ich konstant dem Drang widerstehen kämpfte, diese Enthüllungsvideos zu schauen.
Ich bin ganz ehrlich, jetzt gerade kribbelt es bei mir wieder bisschen. Ich hab schon Lust, mir wieder eins anzuschauen, aber nein, ich bleibe stark. Ich denke mir so: “Ach, vielleicht zählt das ja als Recherche, wenn ich mir wieder eins anschaue, mal schauen, ob sie mir immer noch gefallen…theoretisch“. Aber nein, wirklich nicht.

Jetzt die Frage, die du dir wohl stellst: Wie habe ich aufgehört? Tja, und da bin ich ein wenig stolz auf mich, weil es bei mir immer wieder funktioniert: Ich ziehe einfach einen eiskalten Entzug durch.

Ich habe auf der Startseite bei diesen Enthüllungsvideos angeklickt, dass ich keine Videos mehr von dem Kanal mehr sehen wollte, und alle Fool-Us-Videos habe ich ab dann einfach ignoriert. Der Algorithmus probiert es manchmal immer noch, und schiebt mir noch eins unter die Nase, aber ich kann widerstehen.

Das ist jetzt in diesem Fall vielleicht bisschen lahm für dich zu hören, wenn ich sage: “Mein Wundermittel zum Aufhören war die Entscheidung, einfach aufzuhören”. Das mag jetzt nicht so hilfreich erscheinen.

Doch was eigentlich geholfen hat, war die Versuchung wegzuschieben. Bei YouTube konnte ich diesen einen Kanal blockieren, und ich habe noch mehr Beispiele:

  • Reddit. Reddit ist so etwas wie ein Social-News-Netzwerk, wo Leute neue Artikel, Memes und Videos teilen. Das macht mich auch richtig süchtig, und auch da galt es für mich: Versuchung wegschieben. Reddit-App deinstallieren, Webseitenblocker installieren, die mich eiskalt nicht auf bestimmte Webseiten zugreifen lassen. Solche Blocker lassen sich in so ziemlich allen Internetbrowsern kostenlos als Add-Ons installieren. Für Firefox sowohl am Rechner als auch auf dem Handy verwende ich Leechblock. Bei anderen Browsern musst du mal einfach recherchieren.
  • Billige Fantasy-Handyspiele. Videospiele sind auch so etwas, das mich richtig im Griff haben kann, deswegen halte ich mich inzwischen gut von ihnen fern, aber ein-, zweimal im Jahr lade ich mir doch eins auf mein Handy runter. Es sind die Spiele, wo man irgendwelche Monster umbringen muss, wofür man dann Gold, Erfahrungspunkte und neue Ausrüstung bekommt. Auch das wickelt mich um den Finger.

    Eigentlich sollte ich das nicht erzählen, weil es mich wie ein Arsch klingen lässt, aber ja – Ich habe mal eine Fernbeziehung geführt, in der wir sehr oft, täglich, telefoniert haben. Und eines Abends hat mich meine damalige Freundin emotional aufgelöst angerufen, weil sie sich Sorgen über irgendwas in der Zukunft gemacht hat. Sie hat mir davon erzählt, und ich habe einfach die Klappe gehalten und sie ausreden lassen, und dann irgendwas dazu gesagt, was sie dann beruhigt hat. Später hat sie mir dann geschrieben, wie wundervoll es war, dass ich sie mit meiner ruhigen Stimme auf den Boden zurück holen konnte, was für ein toller Freund ich dafür sei und so.
    Jetzt kommt’s: In Wahrheit bin ich deswegen so ruhig geblieben, weil ich während des Telefonats die ganze Zeit am Handy dieses Fantasy-Spiel gespielt habe. Ich war total abgelenkt und habe nur mit einem halben Ohr zugehört. Gerade so viel, dass ich ihr sinnvollen Rat geben konnte.
    Ich weiß, das ist nicht die feine Art. Aber die Sucht nimmt sich, was die Sucht braucht.
    An zwei Handyspiele kann ich mich erinnern, die mich derart stark gepackt haben, dass ich echt von Sucht sprechen würde. Aber auch da war es ein Zeitraum von, sagen wir, einer Woche, die ich damit verbracht habe. Es gab immer ein bestimmtes Ziel, eine krasse Waffe oder ein bestimmten Ort, für den ich im Spiel die ganze Zeit hingearbeitet habe, und als ich es dann erreicht habe, habe ich direkt das Interesse verloren und die App wieder gelöscht. Und dann auch nicht wieder installiert. Auch da: Die Versuchung möglichst weit wegschieben.

Reibung

Du siehst, meine Strategie für den Umgang mit all diesen Dingen hat eines gemeinsam, und das ist das Einführen von Reibung.
In der Folge zum Lindy-Effekt habe ich Reibung so definiert, dass es metaphorisch meint, wie umständlich etwas ist, wie viel Mühe etwas kostet. Wenn du einen Webseitenblocker installiert hast, ist es umständlich, auf diese geblockte Website zu kommen, weil du erst den Blocker deinstallieren müsstest. Wenn ich mir Zauberenthüllungsvideos anschauen möchte, dann muss ich erst wieder nach dem Kanal aktiv suchen, wobei ich schon vergessen habe, wie der überhaupt hieß, und die Apps müsste ich wieder installieren und sogar wieder von vorne anfangen.

Diese kleinen Lästigkeiten reichen schon, um mich davon abzubringen. Es ist so, wie Alkoholiker nicht neben Spirituosengeschäften leben sollten. So kommen sie nicht tagtäglich in die so greifbare Versuchung. Dass Alkohol und Zigaretten die Volksdrogen sind, obwohl sie eine eher langweilige Rauschwirkung haben, liegt vollkommen daran, dass sie so leicht zugänglich sind.

Also, Reibung. Wie bringen wir sie im Falle von Netflix rein?

Du musst Netflix nicht komplett blocken. Du kannst auf einem Handy ein tägliches Nutzungslimit einstellen, sogar für jede App auf deinem Handy. Ich habe zum Beispiel für YouTube auf meinem Handy ein tägliches Nutzungslimit von 30 Minuten eingestellt. Wenn ich die App länger als 30 Minuten verwenden will, kommt so ein Popup-Dialog, und schließt die App dann für den Tag. Nach Mitternacht werden diese 30 Minuten dann wieder zurückgesetzt.
Genau das könntest du auch für Netflix einstellen. Vielleicht anderthalb Stunden oder so, man muss ja nicht direkt zu streng sein.

Auf Android-Handys gehst du zu Einstellungen -> Digital Wellbeing, und dort kannst du dann Nutzungslimits einstellen.

Mit iOS-Geräten gehst du auf Einstellungen -> Bildschirmzeit -> App-Limits.

Natürlich könntest du diese Limits auch umgehen, indem du zurück zu den Einstellungen gehst und das Limit wieder deaktivierst. Das ist aber lästig, und so erzeugt es Reibung.

Was du noch machen kannst, und das mache ich besonders gern, ist nicht am Ende einer Folge, sondern mitten während einer Folge aufhören zu schauen. Das ist gerade dann schlau, wenn die Serie auf Spannung und Cliffhangern basiert. Mitten in der Folge wirst du dich nicht fragen: “Oh mein Gott, wie wird es wohl weitergehen?”. So ist es leichter, die Serie erstmal liegen zu lassen.

Und zuletzt, was ich tue, ist möglichst keine neuen Serien anzufangen, sondern nur neue Staffeln von mir bekannten Serien anzuschauen. Während es keine neue Staffel gibt, bin ich auch wenig daran interessiert, Netflix zu benutzen.

Ein letzter Tipp aus der Wissenschaft

Das sind meine Tipps für dich. Die Neurowissenschaft hat noch einen etwas abstrakteren Hinweis für dich.

Ich habe dir von dem Cocktail an Hormonen erzählt, die beim Filme- und Serienschauen ausgeschüttet wird. Ich sprach auch von Dopamin.
Dopamin ist das eine Molekül, das schon immer das menschliche Handeln getrieben hat. Es ist der Motor unserer Träume, die Quelle unserer Motivation. Es ist der eine chemische Stoff, auf den Sucht schlussendlich zurückzuführen ist.

Wir wissen, dass unser Gehirn Dopamin als Anreiz für uns verwendet, nach Neuem zu streben, nach Dingen, die wir noch nicht haben. Denn warum sonst sollten wir irgendwas tun, während wir satt und ausgeschlafen sind?

Es gibt aber noch einen Gegenspieler zum Dopamin. Es ist eine Mischung aus verschiedenen Neurotransmittern, die uns Befriedigung und Freude am Hier und Jetzt geben. Sie sind es, die uns glücklich machen, wenn der Countdown zur nächsten Folge vorbei ist und es weiter geht. Sie lieben es, wenn Dinge für uns in greifbarer Nähe, direkt an unseren Fingerspitzen sind, so wie der “Intro überspringen”-Button.

Also, wenn wir diese Neurotransmitter besiegen und Netflix frühzeitig schließen wollen, müssen eines tun: Uns den Anreiz schaffen, etwas anderes zu tun. Eine andere Tätigkeit muss für uns noch begehrenswerter sein, damit wir es tun, statt uns sofort mit Netflix zu befriedigen.

Ich weiß, woran du jetzt denkst, und ja, ich schätze, das zählt. Ich denke aber an anderes.

Ich habe einen Artikel gelesen, in dem sich ein Typ darüber aufgeregt hat, dass wir Menschen ja mit Netflix so viel Zeit in unserem Leben verschwenden würden. Er ließ also die Moralkeule schwingen. Stattdessen, meinte er, könnten wir ja den Rasen mähen oder uns nebenbei ein Business aufbauen.

Mein erster Impuls wäre zu sagen, dass das eine dämliche, absurd vereinfachte Sichtweise ist. “Warum verbringst du deine Zeit mit Entertainment? Du könntest doch stattdessen arbeiten?!”. Aber! Bestimmt gibt es sogar Leute, die genau das tun. Für sie fühlt es sich viel belohnender an, den Rasen zu mähen, oder an einem zweiten Standbein zu arbeiten. Diese Dinge schütten bei ihnen einfach mehr Dopamin aus als bei anderen. Und deswegen sind sie an Netflix nicht so interessiert wie andere. Und genau das können wir uns abgucken.

Uns gibt die Wissenschaft einen simplen Rat: Um deinen Netflixkonsum zu reduzieren, finde etwas Besseres zu tun. Wenn es nicht Rasenmähen ist, dann suche einfach weiter. Bestimmt findest du etwas.

Eine Ankündigung zum Schluss

Zum Abschluss dieser Folge habe ich noch eine kleine Ankündigung zu machen, was diesen Podcast angeht.

Charakter: Marke Eigenbau hat jetzt mehr als 30 Folgen, und läuft seit über einem Jahr. Man sieht eine ganz deutliche Entwicklung zum Anfang des Podcasts. Die Themen haben sich geändert, das Format hat sich geändert, und trotzdem hat es immer noch eine Seele behalten, hoffe ich.

In meinem Bestreben, immer weiter am Podcast zu feilen, hatte ich in den letzten Monaten eine Idee für ein abgeändertes, verbessertes Format, das ich im Podcast einführen möchte. Es besteht hauptsächlich immer noch aus mir, der erzählt und spricht, aber ich möchte auch Storys und Erfahrungen von anderen einbauen. Wie ich das konkret mache, wird sich in zukünftigen Folgen zeigen.

Doch ich brauche dafür Planungszeit, etwas Vorlaufzeit, und das lässt sich gerade mit meinem zweiwöchigen Veröffentlichungsrhythmus nicht bewerkstelligen.
Außerdem arbeite ich gerade an einem Startup, und es kommt eine hochintensive Phase auf mich zu, für die ich meine volle Aufmerksamkeit aufbringen will.

Also werde ich Charakter: Marke Eigenbau in eine Produktionspause führen. Die nächste Folge erscheint in 10 Wochen, nicht in 2. Das wäre der 14. April.

Ich verspreche mir dadurch einen frischen Wind, und eine einfach bessere Show. Nichts weniger als das möchte ich dir liefern.

Was weiterhin regelmäßig erscheinen wird, ist mein Flotte-Fünf-Newsletter und ich werde mehr auf das besagte Startup eingehen, das ich gerade baue. Falls du zufällig in Berlin lebst, denke ich, dass es auch für dich interessant sein könnte. Melde dich gern für den Newsletter auf meiner Webseite an, www.charaktermarkeeigenbau.de. Alles zusammen, so wie man es spricht.

Danke für deine Treue. Ich wünsche dir eine schöne Restwoche und bis in 10 Wochen, am 14. April.


Beitragsbild von JESHOOTS.COM auf Unsplash

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