Was soll ich studieren? 6+1 Ratschläge, die ich meinem früheren Ich geben würde

Die Studienwahl fühlte sich damals für mich wie die wichtigste Entscheidung im bisherigen Leben an. In dieser Folge erzähle ich dir von den 6 +1 Ratschlägen, die mir damals einige Kopfschmerzen und vergebene Mühe gespart hätten, wenn ich sie zu der Zeit gehört hätte.

Für die, die lieber lesen: Aus dieser Podcastfolge ist ein dazugehöriger Blogpost geworden, der die Tipps in dieser Folge auf den Punkt bringt. Alternativ findest du weiter unten das komplette Transkript.

Shownotes

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 Alle Zeitstempel

– Ratschlag Nummer 0: Sollte man überhaupt studieren? [3:57]
– Ratschlag Nummer 1: Spiele zu deinen Stärken. [7:44]
– Ratschlag Nummer 2: Bedenke, welchen Lifestyle du anstrebst. [11:08]
– Ratschlag Nummer 3: Verlasse dich nicht auf StudienwahlberaterInnen. [15:28]
– Ratschlag Nummer 4: Wähle etwas, das dich mental herausfordert. [18:32]
– Ratschlag Nummer 5: Studiere etwas Technisches, das dir erlaubt, zu kreieren. [22:12]
– Ratschlag Nummer 6: Wenn du es nicht liebst, dann wechsle. [24:16]

Folgen, die ich erwähnt habe

Folge 12: Du bist der Durchschnitt der 5 Personen, die dir am nächsten stehen

Ich habe auch über das Thema Mehrwert schaffen und berufliche Unabhängigkeit gesprochen. Dieses Thema kam schon einmal vor:
Folge 2: Mehrwert: Finde Erfüllung egal in welchem Beruf

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Folge dem Podcast bei Instagram! Achtung: Ich bin dort nicht so aktiv wie einst. Ich bin dort gerade noch am Umbauen (wie an so vielem!). Antworten werde ich trotzdem immer.


Transkript

Einleitung

Als ich vor 7 Jahren vor der Entscheidung stand, was ich mal studieren möchte, spürte ich hohen Druck auf mir. Es fühlte sich an, als ob ich eine kluge Wahl treffen musste, sonst würde ich es für den Rest meines Lebens bereuen.
Ich wollte nicht in die Falle tappen, eins meiner Hobbies in einen Beruf machen zu wollen; da hätte sich damals auch nicht viel für angeboten, höchstens Progamer oder Bibliothekar. Sollte ich etwas wählen, wofür ich leidenschaftlich war, was aber schlecht bezahlt wird? Oder etwas Langweiliges nehmen, das gut bezahlt wird? Es fühlt sich an wie die wichtigste Entscheidung, die man bisher im Leben getroffen hat, und das führt zu einer mächtigen Portion Analyseparalyse.

Vielleicht bist du gerade auf der Suche, fragst dich: “Was soll ich studieren?”, oder “Welcher Beruf passt zu mir?”, oder bist eher am zweiten Teil des Titels interessiert und willst hören, welche Ratschläge ich heute meinem damaligen Ich geben würde.

Mit dieser Podcastfolge möchte ich dir einerseits helfen, etwas Licht ins Dunkel deiner Fragen zu bringen, aber auch viel von meinen Erfahrungen erzählen. Es wird einiges auf meine Bedürfnisse zugeschnitten sein und auf Dinge, die ich über mich selbst gelernt habe, darum wird nicht alles auch auf dich zutreffen. Ich denke aber, die Folge wird sich auch für dich lohnen.
Mit den Links in den Shownotes wirst du Zeitstempel finden, mit denen du zwischen den Ratschlägen springen kannst, die dich am meisten interessieren, wenn du magst. Du wirst auch viele andere nützliche Links dort finden, also schau gern rein.

Wie es begann

Falls du mich nicht kennst, hier ist eine kurze Zusammenfassung, wie ich zu meinem recht außergewöhnlichen Studiengang gekommen bin und was ich jetzt mache.

Im Jahre 2013 (das klingt, als wäre ich uralt) war ich in der Situation, in der du womöglich gerade bist. Es wurde langsam Zeit, ein Fach an der Uni zu wählen.
Ich komme aus einem nichtakademischen Haushalt, weswegen das Klischee, das Gleiche wie die Eltern zu werden, schon mal vom Tisch war. Nein, ich musste ein anderes Entscheidungskriterium finden, und der erste Anlaufpunkt war für mich Google. Dort bin ich auf einen sechs Stunden langen Online-Test mit dem Titel “Welcher Studiengang passt zu dir?” gestoßen. Er war sogar kostenfrei, also dachte ich, warum nicht? Ich habe mich rangesetzt und musste es sogar auf zwei Tage verteilen, weil es so lange dauerte. Die Ergebnisse waren dann da – und ich habe keine Ahnung, was deren Algorithmus ist. Auf Platz 1 wurde mir Städteplaner vorgeschlagen. Ich meine, ich habe es mir angeschaut, aber das war nichts. Wenn ich irgendwas im großen Stil plane, dann wird da der schiefe Turm von Pisa draus.

Was aber auf Platz 2 war, das hat schon eher mein Interesse geweckt. Nanowissenschaften. Eine Mischung aus Physik und Chemie auf atomarer Ebene. Neue Materialien mit verrückten Eigenschaften entwickeln, Quantenphysik beherrschen und im Labor sein eigenes Ding machen. Klang richtig cool für mich. Und von da an stand es fest. Ich würde ein Nano werden.

Ich hatte also vor, eine Karriere in der Wissenschaft anzustreben. Aus Gründen, die ich später noch näher erkläre, habe ich mich dann doch dagegen entschieden. Ich habe mein Masterstudium abgebrochen und bin in die Software-Entwicklung gegangen. Heutzutage schreibe ich Apps für Android-Handys. Und ich arbeite an anderen spannenden Dingen, die mir gut liegen.

Welche fünf plus eins Tipps hätte ich also meinem früheren Ich geben können, und warum?

Tipp Nummer 0: Ja, du solltest studieren!

Hier ist erstmal ein Tipp Nummer 0 – den “plus ein” Ratschlag, von dem ich sprach. Und zwar geht es um die Frage: Soll man überhaupt studieren oder nicht doch lieber eine Ausbildung machen?

Im US-amerikanischen Raum zum Beispiel gibt es heutzutage Anti-College-Business-Gurus, die Sachen behaupten wie: “Geh auf keinen Fall aufs College, kündige sofort deinen 9-to-5-Job, kauf meinen Online-Kurs über Unternehmertum und ich mache dich in 2 Jahren zum Millionär”.
Das ist Bullshit.
Aber: Ich kann die Anti-College-Propaganda sogar ein Stückweit verstehen: Es kann nicht sein, dass amerikanische Colleges profitgetrieben sind und man pro Jahr 40.000$ an Studiengebühren zahlt und es durchschnittlich 18-20 Jahre dauert, bis man seinen Studienkredit abgezahlt hat. 18-20 Jahre! Das Argument fällt allerdings weg, wenn wir es mit 300€ an Studiengebühren pro Semester in Deutschland vergleichen. Das sind auf jeden Fall humane Kosten.

Trotzdem ist es legitim zu überlegen, ob Studieren die richtige Wahl ist, wegen eines bestimmten Trends: Nämlich dass ein immer größerer Anteil an jungen Menschen studiert, der Bedarf nach jungen Auszubildenden aber nicht sinkt. Händeringend werden derzeit junge Auszubildene gesucht. Handwerksberufe zum Beispiel werden auch in Zukunft wichtig bleiben. Schau dir Klempner an: Pro Kopf gerechnet retten sie mit ihrer Arbeit mehr Menschen pro Jahr als jeder Arzt. Ohne ein funktionierendes Kanalisationssystem und fließendes Wasser würden wir nämlich alle sehr schnell, sehr krank werden; ein großes Problem in den Dritte-Welt-Ländern.

Es wird also zukünftig viel Geld in den Handwerksberufen stecken.
Da die Podcastfolge aber davon handelt, welche Ratschläge ich mir selbst geben würde, kann ich für mich sprechen und direkt sagen: Ich habe zwei linke Hände. Mein Vater war Trockenbauer, also geschickt im Handwerk, aber davon hat rein gar nichts auf mich abgefärbt. Ich scheitere schon daran, bei IKEA-Schränken die Türen gerade einzubauen. Da ist gar kein Talent bei mir vorhanden, mein Kapital liegt eher in meinem Kopf. Von daher ist Ratschlag Nummer 0 schon mal: Ja, junger Patrick von zarten 19 Jahren, du solltest auf jeden Fall studieren gehen.

Natürlich gibt es auch Ausbildungen, die nichts mit Handwerk zu tun haben. Es gibt zahlreiche Ausbildungen, die dich für einen Job als Knowledge-Worker vorbereiten. Das sind die allgemein gesagt die Personen in der Arbeitswelt, die in Büros sitzen und hauptsächlich ihren Kopf für die Arbeit gebrauchen.
Wenn man aber Knowledge-Worker werden will, sehe ich allerdings den Grund nicht, die Ausbildung statt dem Studium zu wählen. Ein Studium ist dort nämlich das Premium-Eintrittsticket.
Aus Erfahrung kann ich beispielsweise über den Bereich der IT sagen: Ich habe dort himmelschreiend unfaire Vorurteile gegen Personen ohne akademischen Abschluss gehört. Ohne auf der Universität gewesen zu sein, schwimmt man im Knowledge-Worker-Bereich auf jeden Fall gegen den Strom.

Wenn es nicht sein muss, sollte man es sich ja nicht schwerer machen als nötig. In der Wahl des Studiengangs sollte man generell versuchen, die Karten zu seinem Vorteil zu zinken. Und eine bestimmte Art, das zu tun, ist mein erster Tipp, den ich meinem früheren Ich geben würde:

Tipp Nummer 1: Spiele zu deinen Stärken.

In der Wahl des Studiengangs sind drei Dinge wichtig:

  1. Was interessiert mich?
  2. Was wird gut bezahlt?
  3. Worin bin ich gut?

Als ich den Studienberatertest gemacht habe, habe ich nur die ersten beiden Fragen beachtet. Ich habe Nanowissenschaften in der Ergebnisliste gesehen und dachte mir: “Cool, das finde ich interessant, klingt total zukunftsträchtig und wird auch gut bezahlt”. Das stimmt auch.
Ich habe mir aber zu wenig Gedanken darüber gemacht, ob ich auch wirklich gut darin bin.
Klar, in der Schule hatte ich schon Naturwissenschaften gemacht, und war auch gar nicht schlecht darin. Ich hatte allgemein akademisch ein gutes Selbstvertrauen. Zu Beginn des Studiums musste ich dann aber bemerken, was für ein Kampf hügelaufwärts es war. Weißt du, ich hatte Physik und Chemie, die zwei Hauptfächer in Nanowissenschaften überhaupt nicht in der Oberstufe in der Schule gehabt. Es war also schon leichtsinnig gewesen, den Studiengang einfach so zu wählen. Das bekam ich dann in voller Härte zu Beginn des Studiums zu spüren; ich fing von viel weiter hinten an als meine Kommilitonen.
Mit einer akzeptablen Arbeitsmoral, die ich mir erst noch antrainieren musste, konnte ich dann doch noch aufholen und am Ende hat es für den Abschluss ja absolut gereicht. Doch eine Sache musste ich mitten im Studium feststellen: Naturwissenschaften sind einfach nicht meine stärksten Fächer. Bei der Wahl meines Studienganges hatte ich einen zu intensiven Fokus darauf gelegt, was gut bezahlt wird und interessant klingt.

Glücklicherweise für mich gab es ein Modul Informatik im Studium. Darin lernten wir die Grundlagen im Programmieren. Das war für mich wie ein frischer Wind, wie eine Tasse Kakao im Winter – ich hatte darin nämlich etwas gefunden, worin ich tatsächlich gut war! Besser als die meisten meiner Kommilitonen! Auch, wenn ich die Klausur verhältnismäßig in den Sand gesetzt habe; das hatte andere Gründe. Ich war eigentlich wirklich gut in Informatik.

Das Traurige ist: Ich hätte schon vor meinem Studium wissen können, dass Informatik eher meinen Stärken entspricht. Schon in meiner Schulzeit hatte ich ein Interesse fürs Programmieren und hatte überlegt, das während des Studiums als Werkstudent nebenberuflich zu machen. Warum zum Geier bin ich nicht auf die Idee gekommen, dass ich das zu meinem Hauptberuf machen könnte? Ach, keine Ahnung.

Also, als Tipp an Patrick von damals:
Hör auf, so viel Cola zu trinken, es ist nicht gut für deine Gesundheit und das Koffein zerstört deinen Schlafrhythmus.
Viel wichtiger aber: Nimm ein Zettel und Stift.
Zeichne ein Venn-Diagramm aus drei Kreisen. Ja, das ist dieses Diagramm, wo drei Kreise wie in einem Dreieck zueinander liegen und sich teilweise überlappen.
Den einen Kreis betitelst du mit “Was ich gut kann”. Den anderen mit “Meine Leidenschaft”. Den letzten mit “Was gut bezahlt wird”.
Schreibe verschiedene Studiengänge und Karrieren in die Schnittmengen der Kreise, und merke dir was in der Mitte steht: Etwas, was auf alle drei Kreise zutrifft. Aus diesen solltest du dir etwas aussuchen.

Tipp Nummer 2: Bedenke, welchen Lifestyle du anstrebst.

Nicht nur hatte ich bemerkt, dass Naturwissenschaften nicht meine Stärke waren: Ich begann, den Lifestyle als Wissenschaftler infrage zu stellen.

Ein Studium in Nanowissenschaften endet grundsätzlich damit, dass man an der Universität bleibt und forscht. Es gibt fantastische Vorteile daran: Man hat die Freiheit, seine eigenen Aufgaben selbst zu definieren. Welches Experiment startest du als nächstes? Welche wissenschaftliche Frage versuchst du zu beantworten? Reisen kann man auch, es ist sogar sehr gut für den Lebenslauf, an verschiedenen Instituten zu arbeiten, dort ein paar Jahre als GastforscherIn zu verbringen.

Doch eins musst du wissen. Wenn du in die Wissenschaft gehst, dann wirst du im Laufe der Zeit lernen, wie wenig du doch tatsächlich über dein Gebiet weißt.
Irgendwann, wenn du deinen Doktortitel hast, dann weißt du über einen klitzekleinen Teil deines gesamten Fachgebietes so viel wie vermutlich nur 10 andere Menschen auf der Welt. Du wirst so viel zu diesem Thema wissen, dass man dich nachts um 3 wecken und auf eine Bühne stellen könnte, und du würdest eine gesamte Vorlesung aus dem Stehgreif zu diesem Thema halten können.
Du wirst ellenlange Papers schreiben, wissenschaftliche Arbeiten, die jahrelange Forschungsarbeit zusammenfassen. Und diese Papers werden dich vielleicht zu einer Koryphäe in deinem Fachgebiet machen, höchstwahrscheinlich aber von kaum jemandem gelesen werden. Doch du machst trotzdem immer weiter, forschst, tüftelst, machst dir Tag und Nacht Gedanken zu diesem Problem im Labor, das schwierig zu lösen scheint, sammelst Daten in Experimenten, die du selbst nicht verstehst, und bleibst hartnäckig, jahrzehntelang – und vielleicht – unwahrscheinlich, aber vielleicht – wirst du einen “Hm, das ist ja seltsam…”-Moment während deiner Arbeit haben, der den absoluten Meilenstein deiner Karriere darstellt. Weil du in diesem Moment eine weltbewegenden Entdeckung gemacht hast. Die Erkenntnis, auf die du immer hingearbeitet hast. Glückwunsch, denn du hast der Menschheit gerade einen großen Dienst erwiesen!

Mit dieser Vision im Kopf gab es für mich eine Frage, die es zu beantworten galt: Ist es mir das wert? Liebe ich das Tüfteln und das Streben nach Wissen in diesem einen Fachgebiet genug, dass es die harte Arbeit lohnt?
Die Antwort für mich war Nein. Nein, Nanowissenschaften zum Master, gar Doktorlevel zu studieren, und diesen Weg zu gehen, war nicht das Richtige für mich.

Dafür gibt es zwei Gründe:

  1. Das Fachgebiet, die Mischung aus Physik und Chemie, hat mich nicht genug gepackt, als dass ich ihm mein Leben hätte widmen wollen
  2. Ich bin ein fauler Mensch, der schnell Ergebnisse sehen will. Ganz ehrlich gesagt. Ich will mir einen langen Hebel erschaffen, mit dem ich auf möglichst einfache Weise zu großen Ergebnissen komme. Gute Wissenschaft lässt sich so nicht produzieren.

Mir gefällt zwar die Freiheit des Wissenschaftlers, den Fragestellungen nachzugehen, die ihn oder sie interessieren – wobei man da auch ein Sternchen ranhängen muss, da WissenschaftlerInnen von externen GeldgeberInnen abhängig sind.
Die Karriere als Wissenschaftler würde aber realistisch gesehen nicht dazu führen, dass ich mir eines Tages einen Namen machen würde, dass ich früher in Rente gehen würde, dass ich viel Optionalität genießen würde, dass ich nennenswertes passives Einkommen haben würde, all das meine ich mit dem “langen Hebel” und sind Dinge, die ich in meiner Karriere anstrebe.

Also rate ich dir, lieber Patrick der Vergangenheit: Bedenke, welchen Lifestyle du eines Tages führen möchtest.

Tipp Nummer 3: Verlasse dich nicht auf StudienwahlberaterInnen.

Vielleicht warst du bereits verleitet, so einen Online-“Was soll ich studieren?”-Test zu machen. Oder sogar eins von den Wochenend-Seminaren, die einen Haufen Geld kosten und dir im Gegenzug versprechen, den maßgeschneiderten Beruf für dich zu finden.

Ich kann verstehen warum, schließlich habe ich damals auch einen gemacht!

Der Hauptgrund, warum ich mir selbst empfehlen würde, keinen solchen Test, kein solches Seminar zu besuchen, ist folgender:

Studienwahlberatungen empfehlen dir kuriose Randstudiengänge, um ihre eigene Notwendigkeit zu rechtfertigen.

Was meine ich damit?

Stell dir vor, du hast im Sinn, dass du etwas mit Menschen machen willst, vielleicht etwas im Gesundheitswesen. Du wolltest schon immer anderen helfen. Mehr weißt du aber noch nicht.

Nun besuchst du ein Wochenendseminar. Ihr macht Persönlichkeitstests, Gruppenübungen, Rollenspiele und Wissenstests, um genau herauszufinden, was euch liegt, was ihr könnt, was ihr mögt.
Zwei Tage und 600€ später bekommst du das Ergebnis:

Medizin. Du sollst Medizin studieren.

Würdest du dich nicht über den Tisch gezogen fühlen? Hättest du wirklich das Gefühl, das Ganze wäre den Aufwand wert gewesen, wenn du am Ende sowieso bloß bestätigst bekommst, was du vorher schon vermutet hattest – dass du ins Gesundheitswesen gehen möchtest?

Nein, natürlich wäre das doof. Die Studienwahlberatungen wissen das ganz genau. Sie werden dir nichts vorschlagen, was du vorher schon auf dem Schirm hattest. Sie werden versuchen, dich zu überraschen, dir etwas ganz Neues präsentieren, “auf das du ohne sie niemals gekommen wärst”. Nur so lässt sich ihr Aufwand und ihr Preis rechtfertigen.
Eine Freundin von mir sollte Japanologie studieren, eine andere sollte Stimmtrainerin werden, ich sollte Nanowissenschaften wählen! – ganz sensationell außergewöhnliche Berufe und Studiengänge.

Gut, an sich ist an diesen Optionen erst mal nichts auszusetzen. An ihnen ist ja nichts Schlechtes per sé. Ich bereue es nicht, Nanowissenschaften studiert zu haben. Ehrlich, es hat mich herausgefordert, ich bin dadurch gewachsen, und ich habe gute Freunde dort gefunden.
Ich bin allerdings kein Fan von der Tatsache, dass dieser Studiengangstest meinen Blick von den traditionelleren Fächern abgelenkt hat. Es war ein Erfolgsgefühl, die Auswahl auf eine kurze Ergebnisliste einzugrenzen, aber ziemlich sicher auch ein Fehler. Mit dem Venn-Diagramm beispielsweise, das ich in Tipp 1 genannt habe, wäre ich wohl auf ein passenderes Fach gekommen.

Lieber Patrick von 2014: Verlasse dich nicht auf StudienwahlberaterInnen.

Tipp Nummer 4: Wähle etwas, das dich mental herausfordert.

Ich hatte überlegt, den Tipp anders lauten zu lassen, nämlich: “Sei nicht der Klügste im Raum”.
Das wäre ein Tipp, den ich hervorragend befolgt habe!
Ich war bei weitem nicht der Klügste in meinem Studiengang. Tatsächlich habe ich mich dort ziemlich mittelmäßig intelligent gefühlt, was ganz gut war. Ich sage dir gleich, warum.

Weißt du, was ich glaube? Wenn du diesen Podcast hörst, dann stehen die Chancen gut, dass du clever bist. Zumindest überdurchschnittlich clever. Das ist halt die Zielgruppe des Podcasts: Personen, die ihr Leben auf smarte, ungewöhnliche Weise angehen wollen; Personen, die außergewöhnliche Wege für außergewöhnliche Ergebnisse gehen wollen, einfach Personen, die ihren Charakter selbst bestimmen wollen.

Wenn du dich davon angesprochen fühlst, dann warst du bestimmt schon mal in der Situation, wo du der oder die Klügste in einem Raum warst. Bei mir war es in der Grundschule ganz deutlich so. Obwohl, naja, die Lehrerin war klüger als ich. Aber die zählt nicht.

Jedenfalls kam ich an die Universität mit der Einstellung, dass Schule ohne große Anstrengung zu packen sei, also könnte es an der Uni ja so anders nicht sein.
Anstatt kontinuierlich am Studienmaterial zu arbeiten, habe ich mich für die wundervolle Option entschieden, den Stoff des gesamten Semesters auf die zwei Wochen vor den Klausuren zu schieben.
Damit fährst du ganz schnell gegen die Wand, das sag ich dir. Aber es ist eigentlich egal: Selbst wenn mir jemand diesen Ratschlag vor dem Studium nochmal deutlichst eingeschärft hätte, hätte ich es in den Wind geschlagen, trotzdem abends Serien geschaut, statt die Vorlesungen nachzuarbeiten, und wäre auf die Schnauze gefallen, so wie Millionen Studenten vor mir. So ist der Kreislauf des Lebens.

Das ist auch gar nicht so schlimm. Aus dem Verhalten kommt man wieder raus. Die Uni bläut dir die nötige Disziplin ein, und du wirst schon eine tüchtige Arbeitsmoral bilden.
Dabei hat es auch unheimlich für mich geholfen, bei weitem nicht der Klügste im Studium zu sein: Es lehrte mich Demut, die Fähigkeit, um Hilfe zu bitten und allgemein hält es den Verstand scharf, sich mit intelligenten Leuten zu umgeben. “Du bist der Durchschnitt der 5 Leute, die dir am nächsten stehen”, diesen Satz hatten wir bereits in einer Podcastfolge besprochen. Du findest sie verlinkt in den Shownotes.

Den Stoff im Nanowissenschaften-Studiengang aufzunehmen, war ein bisschen, wie aus einem Hydranten trinken zu wollen: Ein gewaltiger Strahl kommt auf dich zugeschossen und haut dich von den Füßen mit viel mehr, als du schlucken kannst. Aber auf eine Weise hatte das auch etwas Gutes: Am Ende war man außerordentlich stolz, es trotz der Herausforderung geschafft zu haben.
Und nicht zu vernachlässigen: Wenn dein Studiengang kompliziert klingt, so wie Nanowissenschaften, dann werden andere Leute deinen Abschluss respektieren und hoch anrechnen. Sie werden sagen: “Boah, das könnte ich nicht”. Viele von ihnen könnten es wohl, aber ich widerspreche ihnen nie.

Das ist also mein Ratschlag Nummer 4, den Patrick von damals sehr brav befolgt hat: Wähle etwas, das dich mental herausfordert.

Tipp Nummer 5: Studiere etwas Technisches, das dir erlaubt, zu kreieren.

Kommen wir zu Tipp Nummer 5. Dieser hier ist etwas spezifischer, weil es eher auf meine Bedürfnisse und Fähigkeiten abgestimmt ist, und deswegen halte ich es auch etwas kürzer. Er lautet: Studiere etwas Technisches, das dir erlaubt, zu kreieren.

Was meine ich damit? Lass uns das in zwei Teile teilen. Zuerst: Warum etwas Technisches?

  1. Es liegt mir einfach, und
  2. ich erzähle dir vermutlich nichts Neues, wenn ich dir sage, dass der Arbeitsmarkt total heiß für Informatiker ist. Die pure Ballung an Optionalität wird dir auf den Teller geschaufelt, wenn du mit Ahnung von Computer Science in den Markt gehst. Ich habe das Glück, mir aussuchen zu können, wo auf der Welt ich leben möchte, und kann sonstwo innerhalb von 3 Wochen einen neuen Arbeitsvertrag unterschreiben, sollte ich ihn benötigen. Das liegt nicht an mir und meinen “außerordentlichen Fähigkeiten”, sondern einfach an dem Fachkräftemangel.

Warum etwas, mit dem man kreieren kann?

Vielleicht hast du es noch nicht gewusst, aber ich bin ziemlich angefixt von dem Thema der Selbstbestimmung. Das bezieht sich auch auf das Berufliche. Wenn du in der Lage bist, mit deinen eigenen Händen etwas von Wert zu erschaffen – Software zu schreiben, digitale 3D-Modelle zu basteln, zu designen – dann wirst du beruflich Optionen haben. Egal was kommt, wo du bist, welche Firmen gerade einstellen, wie die Wirtschaftslage ist, du könntest eigenhändig einen Mehrwert schaffen. Wenn du den dann vermarkten kannst, dann wird dir immer die Möglichkeit bestehen bleiben, deine Lebensgrundlage zu bestreiten.

Das ist mir heute wichtig, und das wird vermutlich auch noch lange so bleiben, weswegen mein Tipp an Patrick von damals ist: Studiere etwas Technisches, das dir erlaubt, zu kreieren.

Tipp Nummer 6: Wenn du es nicht liebst, dann wechsle

Interessanterweise ist das ein Tipp, den ich mir schon damals hätte selbst geben können.

Weißt du, wenn jemand seinen Studiengang wechselt, ist das meist mit einem Stigma, mit dem Urteil Dritter und der falschen Wahrnehmung des Fehlschlags verbunden.

Ich habe das nie verstanden. Wenn jemand eine schwere Entscheidung treffen kann, auch wenn Kommiltonen, Freunde und Familie unfairerweise den Kopf schütteln mögen, nämlich wenn man seinen Studiengang abbricht und sich für etwas Besserpassendes entscheidet – dann ist diese Entscheidung für mich eine tolle, charakterstarke Form der Selbstbestimmung!

Genau das habe ich auch schon damals Leuten in meinem Umfeld gesagt, die wechseln wollten. Es ist richtig, die Reißleine zu ziehen, wenn man dem Aufprall entgegenfliegt, und es ist schrecklich, wenn man beim Griff nach der Leine merkt, dass man ohne Rucksack losgesprungen ist.

Unter meinen eigenen Kommilitonen habe ich nämlich genau dieses Beispiel vor Augen gehabt. Wir hatten einen, in seiner Brust schlägt ein Herz aus Gold – jemand, der keiner Fliege etwas zu Leide tun kann und für jeden ein nettes Wort auf den Lippen hat.
Aber, mein Gott, ist er ein Tollpatsch. Was man ihm im Labor auch in die Hand gedrückt hat an Reagenzgläsern, Titern, sonst was, gefühlte 5 Sekunden später hat es Klirr gemacht und es war schrott. Egal, was es war – ihm wäre bestimmt auch ein Ziegelstein zu Bruch gegangen. Wir haben damals immer gesagt, bei ihm ist’s nicht Breaking Bad, sondern Breaking Stuff.

Er ist auf seine Art ein cleverer Typ, und trotzdem…
Worauf ich hinaus will, ist nicht, dass er hätte wechseln sollen, nein. Sondern, die Sache ist die: Er hat in seinem Heimatland irgendwo in Südostasien Familie, für die ist er der absolute Held; der Stolz der Familie, der in Deutschland Nanowissenschaften studiert, wow! Auf seinen Schultern lastet ein unheimlicher Ballast, ein Image, das er um seiner Familien willen aufrecht erhalten muss.
“Müssen” ist jetzt natürlich Ansichtssache, aber du weißt, was ich meine.

Äußere Umstände machen es diesem armen Kerl unheimlich schwierig, den Studiengang zu wechseln. Und vielleicht denkst du auch, dass wenn du dich mal für ein Fach entschieden hast, und allen in deinem Umkreis verkündet hast, dass du es durchziehst, dass es dann kein Zurück mehr gibt.
Der junge Patrick von damals, der hat so gedacht.

Sich wirklich, entgültig entscheiden, das bedeutet, alle Optionen bis auf eine aus dem Fenster zu werfen, sich von den anderen abzuscheiden, sich von ihnen zu trennen, und das fällt mir auch heutzutage noch schwer. Optionalität, die schiere Größe an Optionalität in meinem Leben, die ich ja absichtlich pflege, sie nimmt manchmal Überhand und spielt Pingpong mit meinem Kopf.
Hin und Her gehen die Wünsche des Tages, ob ich nun in Berlin oder in Leipzig leben soll, ob ich in meinem Podcast solo spreche oder mit einer anderen Person, ob ich minimalistisch aus einem Rucksack lebe oder mir ein Nest baue –
All das sind zumindest jetzt gerade Themen bei mir, und glaub mir, es kann frustrierend sein; und zwar hauptsächlich für andere. Für diejenigen, denen du wichtig bist und die Anteil an deinem Leben haben wollen. Bei deinem Hin und Her kommen sie irgendwann nicht mehr mit. Na klar, wenn man sich tausendmal pro Sekunde um die eigene Achse dreht, wird ihnen beim Zuschauen irgendwann schwindelig.

Eines habe ich aber gelernt: Die Leute um dich herum, die du nicht enttäuschen willst, die finden das gar nicht schlimm, wenn du drei Projekte ankündigst und sie alle wieder verwirfst. Vorausgesetzt, für diese drei gibt es ein Projekt, das du dann auch durchziehst.
Ich würde die Optionalität in meinem Leben, gerade in meinen Zwanzigern, also auf keinen Fall hergeben wollen.

Wenn du es nicht liebst, dann wechsle.

— Oh, und warte bloß nicht auf den “richtigen Moment”, um auszusteigen.
Es wird niemals den richtigen Moment geben, um auszusteigen:
“Oh, nur noch ein Jahr, dann habe ich meinen Bachelor” -> “Jetzt sollte ich wenigstens noch ein Jahr als Berufsanfänger arbeiten und etwas Geld ansparen, wo ich schon den Abschluss habe” -> “Nur noch ein Jahr, dann werde ich befördert, habe einen besseren Jobtitel und dann kann ich wechseln” und eh man sich versieht, sind 10 Jahre vergangen. Es ist wie Civilization: Da gibt es auch keinen Punkt, aufzuhören, und eh man sich versieht, sind 9 Stunden vergangen; perfekt für lange Reisen. Wie Crack

Outro

Das waren die 6+1 Ratschläge, die ich meinem früheren Ich zum Thema Studienwahl geben würde.

Ich bereue meine damalige Wahl zwar nicht, aber auch nur deswegen, weil sie mir die Türen zum Umentscheiden offen gelassen hatte. Mit einem Studium in Holzwirtschaft wäre es schwerer gewesen, in die Software-Entwicklung zu wechseln. Stichwort: Optionalität.

Wenn du meinst, ich hätte einen wichtigen Tipp vergessen, du Fragen oder sonstige Kommentare hast, dann kommentiere diese Folge auf Social Media. Links sind unten in den Shownotes.

Wenn dir die Folge gefallen hat, empfehle gern den Podcast weiter. Das war die heutige Folge Charakter: Marke Eigenbau. Ich wünsche dir eine schöne Restwoche und bis bald.


Beitragsfoto von Roman Mager auf Unsplash

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